Winterfreuden am „Klingelberg“

Etwa 65 Jahre ist es her, seit diese schöne Aufnahme eines unbekannten Fotografen entstanden sein dürfte. Damals kamen die jungen Wintersportler noch ganz ohne Designer-Klamotten aus und  noch niemand sprach vom „Klimawandel“, der heute solche  Winterfreuden in unseren Breiten nur noch sehr selten möglich macht.

Bildgeberin: Margret Flimm, geb. Hasselbach (auf dem Foto untere Reihe ganz links)

1945: 9000 Reichsmark aus dem Gemeindetresor spurlos verschwunden

Am 8. Mai 1945 war der Spuk zu Ende, Deutschlands Kriegsherren kapitulierten vor der Übermacht der Feinde. Es herrschte wieder Frieden in dem Land, von dem aus Hitlers Heere sechs Jahre vorher ihre Nachbarvölker überfallen hatten. In Krofdorf freilich war schon früher Schluss mit dem Krieg; bereits am 28. März hatten US-Truppen den Ort besetzt, einschließlich der Bürgermeisterei, die

damals noch als markantes Bauwerk an der Burgstraße stand  (Foto). Das Gebäude beherbergte Dienstwohnungen im Obergeschoss und neben den darunter liegenden Verwaltungsräumen auch die sogenannte Zweckverbandskasse, also quasi das Schatzamt der Gemeinde und weiterer diesem „Zweckverband“ angehörender Ortschaften. Der Vorrat an Bargeld lagerte in einem Panzerschrank der Marke Krogmann* und betrug laut Tagesabschluss vor dem Einmarsch der fremden Truppen genau 11046,44 Reichsmark.

Am 11. April, gerade einmal zwei Wochen nach Einnahme des Ortes, übernahm der Sozialdemokrat Adolf Mandler als neuer, von der Besatzungsmacht eingesetzter Bürgermeister die Amtsgeschäfte. Sein Vorgänger aus der NS-Zeit, der Malermeister Hermann Schleenbecker, war am Tag zuvor abgesetzt worden. Dieses Schicksal hatte vorher schon den Kassenleiter Christian Lenz ereilt, den man sogar verhaftete. Dessen Zuständigkeit für die Geldgeschäfte der Gemeinde war seinem Stellvertreter Richard Zecher übertragen worden.

Adolf Mandler (Foto) fungierte jetzt nicht nur als neuer Bürgermeister; mit dem Amt übernahm er auch den Vor-steherposten für die Zweck-verbandskasse und damit die Herrschaft über deren Bar-vermögen. Und das müsste eigentlich immer noch in jenem bereits erwähnten Panzerschrank lagern. Allerdings, es gab da einen Haken: der Schlüssel zu dem Schrank ließ sich bei Dienstantritt des neuen Bürgermeisters an jenem Apriltag 1945 trotz intensiver Suche nicht auffinden. Also wurde ein Handwerker bestellt, der in Anwesenheit von Mandler und der Angestellten Richard Zecher und Otto Leib das Schloss herausschweißen musste. Indes: die Ausbeute der mühevollen Arbeit fiel geringer als erwartet aus. Viel geringer sogar. Statt jener laut letztem Tagesabschluss 11046 Mark und 44 Pfennige fanden die drei Verwaltungsmänner lediglich einen Barbestand von 1646 Mark und 35 Pfennige sowie einen Geldbeleg über 400 Mark und 9 Pfennige, zusammen von Wert also lediglich 2046 Mark und 44 Pfennige. „Es wurde somit“, wie es ein später angefertigtes Protokoll lapidar vermerkte, „ein Fehlbetrag von RM 9000 festgestellt“.

Auf welche Weise und wohin aber mag eine solche stolze Summe sich verflüchtigt haben? Spuren einer gewaltsamen Öffnung etwa hatte der Tresor bis zum Schweiß-Aufbruch nicht gezeigt. Um eine Erklärung für den geheimnisvollen Geldschwund zu finden, mussten sich dazu am 16. Mai, also erst Wochen nach dem Vorfall, mehrere Personen vernehmen lassen.

Als erstes war die Ehefrau des abgesetzten Kassenleiters, Elise Lenz, dran. Ihr Ehemann, so Frau Lenz, habe ihr am 30. März, dem Tag seiner Verhaftung, die in Frage kommenden Schlüssel, „zwei oder drei mit einem Bindfaden zusammengebunden“, mit der Bemerkung übergeben, sie müsse diese „wegen des im Schrank befindlichen vielen Geldes gut verwahren“. Zwei oder drei Tage später, fuhr Frau Lenz fort, seien ihr die Schlüssel von dem (damals noch amtierenden) Ortsdiener Leicht mit der Begründung abverlangt worden, das geschehe im Auftrag eines Offiziers der US-Besatzung. Sie habe die Schlüssel dem Ortsdiener aber nicht gegeben, „worauf“, wie sich Frau Lenz erinnerte, „der Offizier selbst zu mir kam mit dem Ansuchen, ihm die Schlüssel auszuhändigen, da der Kassenschrank geprüft werden müsse“. „Ich ging“, so Frau Lenz weiter, „mit dem Offizier zu dem Bürgermeister Schleenbecker und stellte den Antrag, dass bei der Öffnung des Kassenschrankes ein Vertreter der Gemeinde-Verwaltung mit zugegen sein möge.“. Diesem Wunsch habe der Offizier zunächst auch zugestimmt, dann aber erklärt, die Schranköffnung müsse „in Gegenwart des Herrn Oberst stattfinden“. Das aber sei erst am nächsten Tag möglich. Daraufhin übergab Frau Lenz die Schlüssel dem Bürgermeister und, wie sie nachdrücklich versicherte, „sonst niemand anderem“. Dies sei mit der Bitte geschehen, dafür einzutreten, „dass die Öffnung des Schrankes nur in seiner Gegenwart erfolge.“. Sie selbst jedenfalls habe den Kassenschrank nicht geöffnet, „zumal damals das Kassenlokal ja auch dauernd von amerikanischen Soldaten besetzt und ich mit der Räumung meiner Wohnung vollauf beschäftigt war.“.
Ja, bestätigte in der nun folgenden Vernehmung der jetzt Ex-Bürgermeister Hermann Schleenbecker die Aussage der Kassenleiter-Gattin, er „habe die Schlüssel des Kassenschrankes von Frau Lenz in Empfang genommen und sie dann einige Minuten später an den Offizier der amerikanischen Besatzung auf dessen Anforderung ausgehändigt.“. Geschehen sei das in seinem Geschäftszimmer in Gegenwart von Fräulein Bindewald und Herrn Henkel, beide damals Gemeindeangestellte. Der Offizier habe ihm dann versprochen, versicherte Schleenbecker weiter, ihn am nächsten Tag zur Öffnung des Schrankes zu bestellen. Indes: als der zu jenem Zeitpunkt Noch-Bürgermeister am Tag darauf zum Dienst erschien, waren die Amerikaner abgerückt und er sei, gab er zu Protokoll, „zu einer Öffnung des Kassenschrankes nicht bestellt worden.“.

Ein weiteres Nachspiel als die Vernehmung der erwähnten Zeugen hatte der Diebstahl aus dem Gemeinde-Tresor – und darum handelte es sich ja allem Anschein nach – wahrscheinlich nicht, jedenfalls kein dokumentiertes. Denken mochten sich alle Eingeweihten, wem der große Verlust zuzuschreiben war. Ob sie es freilich wagten, ihre Gedanken auch laut auszusprechen, darf angesichts der Machtverhältnisse damals bezweifelt werden. Übrigens: das verschwundene Geld soll hübsch in mehreren Päckchen gebündelt im Tresor verwahrt gewesen sein; wer immer es an sich genommen hat, es konnte also schnell geschehen. Auf jeden Fall musste der Dieb einen Schlüssel besessen – und ihn behalten haben, denn der blieb zusammen mit den entfleuchten 9000 Mark für immer verschwunden.

Erhalten blieb der Gemeinde wenigstens der lädierte Krogmann-Tresor. Die Herstellerfirma* installierte ein neues Schloss, so dass ihn der Zweckverband noch für längere Zeit zur sicheren Aufbewahrung seiner Werte nutzen konnte.

Siegfried Träger

*Firma Krogmann, Kassenschrankfabrik und Tresorbauanstalt, Gießen, Frankfurter Straße 143, Inh. Hans Burg (Adressbuch Gießen, 1927)

 

 

Ein tödlicher Schuss aus Spielerei

  1. Am Nachmittag des 30. Juni 1941 klopfte es heftig an die Tür des Hauses Unter der Burg 8 auf dem Gleiberg. Als die Bewohnerin Therese Burk, die mit ihrem jüngsten Sohn Hubert alleine daheim war, öffnete, stand vor ihr der Nachbarjunge Oswald H. Der damals 12-jährige machte einen aufgeregten Eindruck. Auf die Frage, was denn los sei, erzählte er, dass „ein brauner Mann auf uns geschossen“ habe. „Auf wen geschossen?“, fragte die verblüffte Frau Burk zurück. „Auf uns zwei, auf mich und Heinz“, bekam sie zur Antwort. Heinz (Foto), das war der zweitjüngste Sohn der Burks und ein Jahr älter als sein Freund Oswald.

    Von bösen Ahnungen getrieben forderte die Mutter Oswald auf ihr zu zeigen, wo das von ihm Geschilderte passiert sei und folgte ihm zusammen mit Sohn Hubert zunächst durch das Dorf, dann bergab in Richtung Heuchelheim bis tief hinunter ins Tal. Dort, nahe der Tongrube Abendstern am unteren Fohnbach befand sich ein kleiner Tümpel, und neben diesem Tümpel lag leblos Heinz Burk, anscheinend „an Ort und Stelle gestorben“, wie sich noch Jahrzehnte später sein Bruder Hubert an die schreckliche Szene erinnerte. Erschossen von jenem ominösen braunen Mann, von dem Oswald H. sprach? Mutter und Sohn eilten zurück zum Gleiberg und verständigten vom Lebensmittelgeschäft Leib aus telefonisch die Polizei. Die rückte auch sogleich mit einem Staatsanwalt und einem Arzt bei dem leblosen Buben neben dem Tümpel an.

    Was aber war dort wirklich passiert? Schon bald zweifelten die Untersuchungsbeamten an der Version des jungen H. von einem unbekannten Täter. Und tatsächlich musste der schon wenig später zugeben, dass er selbst es war, der den fatalen Schuss verursacht hatte. Nicht um seinem Freund etwas anzutun, sondern einfach so beim Spielen mit einer Pistole, die seinem Vater gehörte und die er heimlich mit ins Feld genommen hatte. Bald fand sich auch das corpus delicti. Der Unglücksschütze hatte die Pistole nach dem tödlichen Treffer in den nahen Tümpel geworfen und sich dann die Geschichte vom „braunen Mann“ ausgedacht, ehe er an der Haustür der Burks erschien. Die Idee zu seiner Lüge mochte ihm seine Kenntnis davon eingegeben haben, dass damals Kriegsgefangene in der Gegend untergebracht waren. Und denen, so meinte er wohl, könnte seine eigene Untat doch leicht in die Schuhe geschoben werden. 

    Siegfried Träger

 

Das verlorene Zigarettenetui

Im Jahre 1928 verschwand ein junger Mensch von einem Tag auf den anderen scheinbar spurlos aus Krofdorf. Es handelte sich um den damals 21 Jahre alten Paul Wagner aus einem Anwesen an der Schieferstraße mit der heutigen Nummer 11. Es dauerte aber nicht allzu lange, da sprach sich im Ort herum, dass Wagner, ein begab-ter Musiker, der bei einem Musiklehrer in Gießen Trompete und Flügelhorn spielen gelernt hatte, in die französische Fremdenlegion eingetreten sei (das Foto zeigt ihn 1930 als Fremdenlegionär in Algerien). Auslöser für diesen Schritt soll ein Vorfall gewesen sein, den mir ein Altersgenosse Wagners kurz vor seinem Tod schilderte.

Danach hatte Wilhelm Wagner, ein gelernter Uhrmacher aus der Hauptstraße 55 und nicht näher verwandt mit seinem Namensvetter Paul, mit Freunden eine feuchtfröhliche Party veranstaltet, angeblich weil er beruflich in die Schweiz übersiedeln wollte. Das abendliche Abschiedsfest fand jedoch nicht in einem geschlossenen Raum statt, sondern unter freiem Himmel auf einem großen Strohhaufen. Der befand sich rechter Hand am Dorfausgang in Richtung Waldhaus auf einem Grundstück, das dem Gastwirt Moos gehört haben soll. Ob angelockt durch den Lärm der Feiernden oder eher zufällig, jedenfalls näherte sich dem Strohhaufen im Schutz der Dunkelheit der Trompeter Paul Wagner. Statt seiner Trompete aber hatte der jugendliche Raucher Streichhölzer dabei. Damit, so meinte er wohl, könne man denen auf dem Haufen einen lustigen Streich spielen. Und ohne langes Zögern folgte der Idee die Tat. Unbemerkt von den fröhlichen Zechern flammte am Fuße des Strohhaufens ein Zündholz auf, wurde an das Stroh gehalten und entfachte ein Feuer, das allmählich den gesamten Haufen zu erfassen drohte.

Jetzt endlich nahmen Wilhelm Wagner und seine Freunde wahr, in welcher Gefahr sie schwebten und brachten sich in Sicherheit, ehe das Stroh völlig niedergebrannt war. Wo und wer aber war der Brandstifter? Natürlich hatte der sich längst in die Dunkelheit der Nacht hinein aus dem Staub gemacht. Allerdings, wie sich bald herausstellte, nicht ganz spurlos. Als der abgekühlte Brandherd nämlich Tags darauf näher inspiziert wurde, stieß man auf einen Gegenstand, der kaum zufällig hierher geraten sein konnte: Ein zwar brandgeschwärztes, aber sonst unversehrt gebliebenes Zigarettenetui aus Metall. Und in dessen Deckel eingraviert las man unter einer Widmung den Namen Hilde Rothe. Wer aber war Hilde Rothe? Und wem mochte die Widmung gelten? Das zu ermitteln, erforderte keine übermäßig große kriminalistische Begabung. Hilde Rothe, das Foto zeigt sie 1922 als Konfirmandin, die kannte jeder als Tochter des Dorfpolizisten Gustav Rothe, und ihr damaliger Galan, das war ebenfalls kein Geheimnis, hieß Paul Wagner. Ihm hatte sie offenbar das Etui geschenkt und, damit er sie ja nicht vergesse, es mit ihrem Namen versehen.

Doch als man Wagner auf Grund dieses „Beweisstückes“ dingfest machen wollte, war er nicht auffindbar, hatte offenbar Eltern und Geschwister verlassen – und seine Freundin Hilde obendrein. Die beklagte sich später in einem Brief, geschrieben im Februar 1929 aus dem Rheinland (wo sie damals wohl inzwischen lebte) an einen gemeinsamen Freund in Krofdorf über Paul Wagner mit den Worten: „Wenn er etwas in sich gehabt hätte dann hätte er mir wenigstens noch einmal geschrieben, grade so gut wie er seinen Eltern aus Frankreich schrieb hätte er auch mir ein paar Zeilen schreiben müssen. Das wäre seine Pflicht gewesen.“. Dann bittet sie den Adressaten, ihr „den Brief, den ich Dir für P. mitgeschickt, doch wieder zurück zuschicken“. Auch sei es ihr „schrecklich“, dass die Familie ihres entschwundenen Freundes noch Briefe von ihr habe.

Bevor Wagner, wie es aus dem Brief Hilde Rothes hervorgeht, nach Frankreich abgetaucht war, soll er von seinem Heimatort aus zunächst zu einem entfernt wohnenden Verwandten geflohen sein. In Frankreich trat er in die Fremdenlegion ein, wo er dank seiner musikalischen Fähigkeiten ein ganz erträgliches Leben geführt haben soll. Erst nach dem Ende des Hitler-Feldzugs gegen Frankreich im Jahre 1940, also mehr als zehn Jahre nach seiner Flucht, kehrte  Wagner nach Krofdorf zurück. Er heiratete Leni Volkmann aus der Seemühle und bekam dank seiner in der Legion erworbenen Französischkenntnisse in Wetzlar eine Anstellung als Dolmetscher für kriegsgefangene Franzosen. Bald aber musste auch er wie viele seiner Generation in den 2. Weltkrieg ziehen, wo er, der ehemalige Fremdenlegionär, bei Smolensk in Russland umkam. Was indes aus seiner verlassenen Freundin Hilde wurde, liegt im Dunkeln.

Siegfried Träger

 

Mit dem Fallschirm in den Hühnerhof

Zu der folgenden Dorfgeschichte hatte ich bereits in den 1950er Jahren ein paar unterschiedliche Darstellungen aufgeschnappt. Immer aber ging es dabei um den dramatischen Fallschirmabsprung eines Gleibergers angeblich auf einen Acker irgendwo in der näheren Umgebung. Erst Jahrzehnte später machte ich mich endlich daran herauszufinden, was da eigentlich wirklich geschehen war, allerdings ohne genaue Kenntnis davon, um wen es sich bei dem Fallschirmspringer handelte. Eine Vermutung allerdings hatte ich, und, wie sich herausstellte, lag ich damit richtig. Meiner Bitte um ein Interview wurde gerne entsprochen, und so erhielt ich endlich ganz authentisch von der „Hauptperson“ Antworten darauf, wann, warum, und wo genau jener rätselhafte Fallschirmabsprung stattgefunden hat.

Der aus Gleiberg stammende, später in Krofdorf verheiratete Werner Mandler musste als Angehöriger des Geburtsjahrganges 1924 am 20. Oktober 1942 zum Militär. Bereits bei der Musterung hatte man ihn für die Fliegerei eingeteilt und anschließend zur Ausbildung nach Frankreich geschickt. Dort kam ihm zu Ohren, dass Freiwillige als Funker gesucht würden. Und so wurde er Flugzeugfunker (Foto). Mit dieser Aufgabe hielt er sich eine Zeit lang in Prag auf, wo er eine Bruchlandung überlebte. Wenig später, am 31. August 1944, entging er wieder nur knapp dem Fliegertod. Nach einer Notlandung seiner Maschine im Erdinger Moos bei München musste er acht Wochen lang in einem Lazarett verbringen.

Wieder genesen, erwartete ihn schon der nächste Auftrag – mit der ungeahnten Folge eines unfreiwilligen und höchst gefährlichen Wiedersehens mit seiner Heimatregion. Auf dem „Programm“ standen diesmal sechs Nachteinsätze vom Heimatflughafen Oberschleißheim bei München aus. Fünf der Aufträge waren bereits ausgeführt, als die aus drei Maschinen des Typs 88 G 6 der Firma Junkers bestehende Rotte mit je 3 Mann Besatzung (Pilot, Funker und Techniker) am 18. November 1944 um 18 Uhr zu ihrem letzten Flug startete. Bewaffnet waren die schweren Fluggeräte mit jeweils 6 Kanonen, von denen sich vier an der Kanzel und zwei am Rumpf befanden. Zielort sollte an jenem Abend der Flugplatz Kassel-Rothwesten sein. Doch es kam anders als gewünscht, wie Mandler sich Jahrzehnt später noch erinnerte.

Bereits in der Nähe Nürnbergs mussten zwei der drei Maschinen kehrt machen. Ein Warnsystem gegenüber der eigenen  Flugabwehr war ausgefallen und damit die Gefahr entstanden, von der eigenen Bodenverteidigung abgeschossen zu werden. Nicht von dieser Störung betroffen war die Maschine, in der Werner Mandler saß. Sie flog weiter in Richtung Zielflughafen Kassel. Da kam – sie befanden sich gerade im Raum Gießen – über Funk die Nachricht, dass in Kassel eine Landung wegen Beschädigung der Rollbahn nicht möglich sei. Statt dessen sollten sie den für sie nächst gelegenen Fliegerhorst nutzen, und das war eben der in Gießen. Dort allerdings gab es gerade Fliegeralarm und infolgedessen die Verdunklung der Rollbahn. Eine Landung würde also auch hier zunächst nicht möglich sein. Die Maschine wurde von der Flugsicherung in einen „Warteraum irgendwo in der Nähe Gießens““ dirigiert, 3500 Meter über Grund.

Eine allzu lange Wartezeit konnte man sich dort oben aber nicht mehr leisten, denn allmählich ging der Sprit zu Ende. Trotzdem musste die Maschine immer weiter ihre Kreise ziehen, bis schließlich der Treibstoff nur noch für 10 Minuten Flugzeit reichte. Dieser ungemütliche Umstand zwang den Funker Mandler, den für eine solche Situation vorgeschriebenen Funkspruch „QBZ 10 Minuten Flugzeit“ abzusetzen:. Als Antwort kam vom Boden aus die Anweisung zur Notlandung auf dem Flugplatz Fritzlar. Dessen Landebahn wäre mit nur 800 Meter eigentlich zu kurz für die Maschine gewesen. Doch zu einem Weiterflug nach Fritzlar kam es ohnehin nicht mehr. Während das Flugzeug nämlich immer noch im Warteraum herumkurvte, wurde es – sichtbar an einer Leuchtspurgarbe – beschossen, möglicherweise von einem englischen oder kanadischen Nachtjäger.

Durch den Beschuss geriet der rechte Flugmotor in Brand, die Funkanlage fiel aus und die Maschine sackte um etwa 500 Meter ab, ehe es gelang, das Feuer mittels des eingebauten Schaumlöschers zu ersticken. Obwohl das Flugzeug trotz Ausfall eines Motors eigentlich noch flugtauglich war, gab der Pilot jetzt den Befehl: „Los, fertigmachen zum Absprung“, weil der Benzinvorrat selbst für eine Notlandung nicht mehr ausgereicht hätte. Der Funker Mandler, dem als Gleiberger das Absprunggebiet vertraut war, warnte zwar noch vor den vielen Überlandleitungen. Aber was half´s? Der Ausstieg musste sein. Zuerst verließ der Techniker durch eine Bodenluke die Maschine, ihm folgte der Funker und als Letzter der Pilot. Der hatte den Flieger vorher noch „ausgetrimmt“, ihn also in eine stabile Fluglage gebracht. Das Geisterflugzeug stürzte, wie sich später herausstellte, bei Michelbach im Odenwald ab, also in ganz beträchtlicher Entfernung vom Ort des Ausstiegs der Besatzung. Der Pilot erreichte, wie sich später herausstellte, bei Rödgen unversehrt den Boden, der Techniker ging in einem Hochwald nieder.

Zum Glück kam auch der Funker Mandler ohne Schaden unten an. Noch während des Herabschwebens an seinem Fallschirm freilich hatte er bemerkt, dass er direkt auf eine Ortschaft zufiel. Um eine „Dachlandung“zu verhindern, änderte er durch Ziehen an der Fallschirmleine die Fallrichtung. Und landete schließlich zwischen zwei Kirschbäumen hindurch auf einem umzäunten Areal. Es war eine Hühnerfarm am Rande Nordecks oberhalb des Lumdatals. Bereits am Boden angekommen, wurde der Springer durch einen Windstoß gegen die Innenseite des Begrenzungszaunes gedrückt. Da lag er nun, etwas hilflos, aber unversehrt.

Zuerst galt es, sich aus den Gurten zu befreien. Dann holte der havarierte Funker seine Taschenlampe heraus und sichtete das Gelände. In einiger Entfernung erkannte er eine schlecht abgedunkelte Baracke, der er sich mit eingeschalteter Lampe näherte. Da sah er drei Personen das Areal betreten, zwei Soldaten mit Gewehren und einen Zivilist, und Mandler hörte einen von ihnen sagen: „Weg – da ist er“. „Weg“, das war auf den Fallschirmspringer gemünzt, das „da ist er“ auf den Fallschirm selbst, der sich noch immer im Wind ein wenig blähte. Dann rief der Zivilist, es war der Bürgermeister von Nordeck, in die Dunkelheit hinein: „Ist es ein Deutscher oder Amerikaner?“, woraufhin Mandler den Strahl der Taschenlampe auf sich lenkte, „Ich bin ein Gleiberger“ zurück rief und auf die drei reichlich verblüfften Männer zuging. Natürlich entspann sich sofort ein Gespräch zwischen ihnen. Und dabei erfuhr der Abgesprungene, dass man das Geschehen in der Luft beobachtet und sogar den Ruf nach seinem Kameraden Franz während des Falls gehört hatte. Jetzt erst stellte man mit nicht geringem Schrecken fest, dass der Fallschirm auf den Drähten einer Hochspannungsleitung ausgebreitet lag. Ein polnischer Zwangsarbeiter musste ihn herunterziehen. Dann trommelte der Bürgermeister alle Männer des Ortes zusammen, um den Bordmechaniker zu suchen. An der Suche beteiligte sich sogar eine im benachbarten Londorf stationierte Technikerkompanie. Es dauerte rund 1 ½ Stunden, ehe man Franz fand. Er war leicht am Arm verletzt und hatte sich an der Landestelle mitten in einem nahen Hochwald bereits eine Lagerstatt eingerichtet.

Inzwischen hatte Werner Mandler vom Telefon des Bürgermeisters aus den Flugplatz Gießen angerufen. Und siehe da: Am anderen Ende meldete sich sein Pilot, der sich gerade in der Nähe des Telefons aufgehalten hatte und nun berichtete, er sei bei Rödgen heruntergekommen und von hier aus einfach quer über das nahe Flugfeld zur Flugleitung gegangen. Das Foto zeigt das Gebäude der ehemaligen Flugleitung, aufgenommen 2016.

Der nächste Anruf Mandlers ging nach Gleiberg zum Nachbarn seiner Eltern, dem Kaufmann Karl Leib. Der möge ihnen ausrichten, dass er am nächsten Tag nach Hause komme.

Die Nacht verbrachten Funker und Techniker in dem für sie freigemachten Ehebett des Bürgermeisters. Am Morgen fuhren sie mit ihren zusammengelegten Fallschirmen per Bahn nach Gießen. Die abgesprungene Besatzung musste sich auf dem Flugplatz einer Vernehmung durch den wachhabenden Offizier unterziehen. Danach erhielt Mandler drei Tage Urlaub, benachrichtigte darüber seinen Vater, der ihn per Fahrrad in Gießen abholte.

Siegfried Träger

 

Der gewitzte Knecht

Heinrich Mandler, der aus Kinzenbach stammte und als Knecht bei „Scholtesse“, einer wohlhabenden Bauernfamilie in der Rodheimer Straße 35 in Diensten stand, sollte eines Tages Bleche mit Kuchen zum nahen Backhaus auf dem Nahrungsberg bringen (siehe Foto des längst abgerissenen Gebäudes). Dabei blieb ihm nicht verborgen, dass ein Teil der Kuchen mit Hölzchen versehen war, ein anderer aber nicht. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht ahnte er, ja vielleicht kannte er auch von früheren Aufträgen her die geheime Bedeutung dieser Kennzeichnung, nämlich dass das Vorhandensein oder Fehlen eines Hölzchen etwas über die Qualität des jeweiligen Kuchens aussagte: die bessere Sorte war mit einem Hölzchen markiert und war für seine Herrschaft bestimmt, die hölzchenlose und weniger qualitätsvolle sollten die Bediensteten des Hofes essen. War das nicht ungerecht? Allein, wie konnte dieses Unrecht beseitigt werden? Ganz einfach eigentlich, fiel dem Knecht Mandler ein, indem ich eben die Hölzchen austausche. Das geschah denn auch ganz unauffällig auf dem Weg zum Backhaus. Der Herrschaft blieb dann nach dem Backen die Verteilung überlassen, nur sie wusste ja genau, wem der Kuchen mit und der ohne Hölzchen zustand. Ob es den Hofeigentümern wohl aufgefallen ist, dass sie wenigstens diese Mal den Kürzeren gezogen haben? Dem gewitzten Knecht jedenfalls gefiel seine Idee so gut, dass er sie noch im Alter seinen Enkeln immer wieder gerne verriet (mitgeteilt von Wilhelm Schleenbecker).

Siegfried Träger

Vom Flugzeugbauer zum Blumenfabrikant

Wie ein ganz neues Gewerbe in unser Dorf kam – und wieder verschwand

In den 1950-er Jahren konnte man in Krofdorf gar nicht selten folgendes beobachten: Frauen, zumeist jüngeren und mittleren Alters, transportierten auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades oder mittels Leiterwägelchen fast mannsgroße helle Kartons vom Dorf hinauf in Richtung Gleiberg. Wer ihnen gefolgt wäre, hätte gesehen, wie sie von der Burgstraße in den Hainweg einbogen und etwa 200 Meter weiter mit ihrer Fracht ein langgestrecktes barackenähnliches Holzhaus betraten. Das damals letzte Gebäude am Hainweg, Eigentum der in Frankfurt “ausgebombten” Familie Nöll, hatte während des 2. Weltkriegs an anderer Stelle als Unterkunft für Fremd- und Zwangsarbeiter der Firma Döco gedient. Jetzt befand sich in einem Teil des Hauses die Blumenmacherei des Hans Nitsche. Hier wurde aus den Kartons heraus abgeliefert, was in Heimarbeit verfertigt worden war: luftige Gebilde aus Krepppapier und Draht. Es waren die Rohlinge, die erst noch Festigkeit und Farbe erhalten mussten, damit sie als Kunstblumen für Kränze und Schießbuden dienen konnten.

Nitsches Blumenfabrikation, die als Firma A. Oehme im Handelsregister stand, war eines der rund 140 zumeist kleinerer Unternehmen, die es in der Nachkriegszeit in Krofdorf-Gleiberg gab und rund um den Gleiberg 25 Jahre lang das einzige seiner Art war (in Krofdorf wahrscheinlich das erste überhaupt).

Wie aber kam es, dass sich in unserem Dorf eine Produktionsstätte für Kunstblumen etablierte? Die Bedingung dazu schufen – kurz gesagt – der Krieg sowie die ihm folgende Teilung Deutschlands in Ost und West. Beginnen wir mit dem Krieg. Hans Nitsche aus Sebnitz in Sachsen (Foto) und von Beruf Flugzeugbauer kam als Kriegsgefangener der Amerikaner nach England. Dort lernte er den ebenfalls kriegsgefangenen Paul R. aus Krofdorf kennen. Nitsche war damals schon verlobt mit Lieselotte Oehme, der Tochter von Arthur Oehme und seiner Frau Gertrud, die in dem bereits erwähnten Sebnitz eine kleine Blumenfabrik besaßen. Der Ort, am Nordrand des Erzgebirges gelegen, war weithin bekannt als „Stadt der Kunstblumen“.

Aber die Oehmes sahen wohl unter der russischen Besatzung Sachsens keine rechte Zukunft mehr für ihr Unternehmen und wollten ihre Heimatstadt verlassen, „abhauen“, wie man damals den Wechsel von Ost nach West nannte. Aber wohin? Da kam ihnen die Bekanntschaft des Verlobten ihrer Tochter mit eben jenem Paul R. aus Krofdorf in den Sinn. Könnte der ihnen nicht den Weg in den Westen ebnen? Hans Nitsche, der inzwischen als freier Mann in England geblieben war und sogar seine  Verlobte dorthin geholt hatte, suchte den Kontakt zu dem gleichfalls längst aus Kriegsgefangenschaft entlassenen Krofdorfer, und der wiederum fragte Günter Nöll, den Besitzer des Holzgebäudes am Hainweg, nach der Möglichkeit, hier eine Blumenmacherei einzurichten. Nöll, der damals schon in seiner Behausung die defekten Radios der Dorfbewohner reparierte, sagte zu, worauf hin Arthur Oehme bereits in den Jahren 1947/48 entsprechendes Material und Geräte aus Sebnitz nach Krofdorf expedierte, selbst jedoch zurück in seiner Heimatstadt blieb und Hans Nitsche vorschlug, eine Blumenproduktion in Krofdorf aufzuziehen. Der wäre zwar lieber in England geblieben, auch seine Verlobte Lieselotte wollte „eigentlich vom Blumenmachen gar nichts wissen“, wie mir Frau Nitsche (Bild rechts) Jahrzehnte später sagte. Aber es kam anders: Die beiden heirateten 1950 in Sebnitz und zogen noch im selben Jahr auf getrennten Wegen wieder in den Westen, aber nicht zurück nach England, sondern nach Krofdorf. Hier bezogen sie ein Hinterzimmer im Haus am Hainweg und begannen in den beiden vorderen Räumen mit dem bereits vorhandenen Material und zwei noch zusätzlich aus Sebnitz zugesandten Stanzen und Maschinen – eine Presse und eine Drücke – mit der Blumenproduktion.

Die zunächst aus Krepppapier gestanzten und per Druck geformten Blüten-und Blumenblätter gingen zusammen mit dem Draht für die Stiele an Heimarbeiterinnen, die daraus zunächst jene bereits erwähnten Rohlinge anfertigten. Deren eigentliche Veredlung zu „Blumen“ geschah dann wieder unterm Dach des Hainweg-Gebäudes, wo sie zur Festigung zunächst in heißes Paraffin getaucht und anschließend zum Trocknen mit ihrem Stiel in einen Sandkasten gesteckt wurden. 50 Pfennig Stundenlohn – etwa soviel wie die Zigarrenmacherinnen am Ort – erhielten zu Anfang die 4 bis 5 fest angestellten Arbeiterinnen für diese Tätigkeit, während die Heimarbeit im Stücklohn abgegolten wurde.

Waren die Papierblumen gewachst und getrocknet, kam als letztes eine Art Bestäubung dran. Bestäubt wurde aber nicht mit Pollen wie in der Natur, statt dessen mit einer Mischung aus Kartoffelmehl, Talkum und Farbe. Erst danach waren die Blumen fertig für die Kunden, zumeist Gartenbetriebe und Großhändler, die sie an Kaufhäuser und Schießbuden weiterverkauften.

„Angefangen haben wir mit Kranzblumen“, erinnerte sich Frau Nitsche mehr als fünfzig Jahre später an die dürftigen Anfänge am Hainweg. Erst etwas später habe man auch Schießbuden-Blumen angefertigt. Das Sortiment umfasste Rosen, Nelken und Dahlien. Chrysanthemen hingegen mit ihrer komplizierten Blütenpracht konnten erst in das Angebot aufgenommen werden, nachdem das Unternehmen eine sogenannte „Riefmaschine“ angeschafft hatte. Da befand es sich aber schon nicht mehr am Hainweg. Zehn Jahre nach der Gründung nämlich verließen die Nitsches das Baracken-Domizil und bezogen eine neue Produktionsstätte: die entsprechend umgebaute Scheune des Anwesens Nr. 22 in der heutigen Wetzlarer Straße.

1975 dann war Schluss mit dem Blumenmachen aus Krepppapier und Paraffin. Um diese Zeit begann die Ära der Plastikblumen, „und deren Fertigung wollten wir nicht übernehmen“, erklärt Frau Nitsche die Entscheidung, die Firma A. Oehme 25 Jahre nach ihrer Ansiedlung in Krofdorf wieder aufzulösen.

Siegfried Träger

 

Die letzte Fahrt des Walter Moos

Es musste schon bald nach meiner Ankunft in Krofdorf im Jahre 1946 gewesen sein, als ich von einem Vorfall reden hörte, in dem es um einen tödlichen Motorradunfall und einen Selbstmord ging. Was da und wann wirklich geschehen sein sollte, verstand ich damals nicht und behielt eigentlich nur die beiden Stichworte – Motorradunfall und Selbstmord – im Gedächtnis. Erst Jahrzehnte später bekam ich ein kleines Foto in die Hand, das drei junge uniformierte Männer zeigt, von denen einer auf einem schweren Motorrad sitzt (siehe Bild unten). Auf der Rückseite des Fotos stand: „Die letzte Fahrt von Walter Moos“. Angeregt durch Foto und Beschriftung versuchte ich Genaueres über jene „letzte Fahrt“ herauszufinden. Und dabei war zu bemerken, dass die Erinnerung an das dahinter stehende Ereignis bei den in den 1990er-Jahren Befragten tatsächlich noch sehr gegenwärtig war. Auf mein „Was, wann, wo“ erhielt ich dann allerdings Darstellungen angeboten, die im Kern zwar übereinstimmten, aber doch in Details voneinander abwichen.

 

Von links: Willi Heyer, Walter Moos, Ernst V.

Willi Heyer, geboren am 2. 5. 1912 in Krofdorf, war der ältere von zwei Söhnen des Landwirts Wilhelm Heyer und dessen Ehefrau Luise, geb. Bender, und Enkel von Wilhelm Heyer, genannt „Backstaa-Heyer“. Willi Heyer war Landwirt und bewirtschaftete zusammen mit seinem Vater in der Hauptstraße 10 einen der damals größten bäuerlichen Betriebe Krofdorfs. Anfang der 1930-er Jahre wurde er Besitzer eines Motorrades, das ihm angeblich sein Großvater geschenkt hat. Zu Heyers Freunden zählte Walter Moos, Sohn des Gastwirts Eduard Moos, Hauptstraße 54. Walter Moos, geb. am 22. 11. 1914, war wie Heyer Mitglied des sogenannten „Motorsturms“, einer Formation innerhalb der nationalsozialistischen SA ( = Sturmabteilung).

Ende April 1935 sollen die beiden auf Heyers Motorrad eine SA-Versammlung in Wetzlar besucht haben und wollten anschließend über Waldgirmes nachhause fahren. In der Nähe von Hof Haina trafen sie ihren Kameraden Ernst V., der mit dem Fahrrad unterwegs war. Bei diesem Zusammentreffen wurden sie zu Dritt fotografiert, wer die Aufnahme machte, ist allerdings nicht mehr bekannt. Kurze Zeit später war einer der drei, Walter Moos, tot, gestorben als Beisitzer auf dem Motorrad seines Freundes. Und das soll so gekommen sein:

Nachdem die beiden Motorradfahrer sich von V. verabschiedet hatten, fuhren sie nicht direkt nach Krofdorf zurück, sondern nahmen einen Umweg über Gießen. Als sie dort die Straße in Richtung Krofdorf erreichten, soll der Motor von Heyers Maschine „blockiert“ haben. Jedenfalls ist es zu einem Sturz gekommen, an dessen Folgen Beifahrer Walter Moos noch in der folgenden Nacht in einem Gießener Krankenhaus verstarb. Ehe er beerdigt wurde, hielten Mitglieder der SA am Sarg, der im Hof der Gastwirtschaft Moos pompös aufgestellt war, „Totenwache“ (Foto unten).

Etwa ein Jahr nach dem Tod von Walter Moos besuchte Willi Heyer mit seiner Freundin (oder Verlobten) Elli J. sowie Otto V. und Hilde W. per Rad ein Kino in Gießen. Bereits wieder auf dem Heimweg – die Vier befanden sich inzwischen kurz hinter der Stadtgrenze Gießens und damit in der Nähe des etwa ein Jahr zurückliegenden Motorradunfalls – beugte sich Heyer über die Lenkstange, löste sich aus der Radlergruppe und fuhr, sein Tempo steigernd, geradewegs auf einen Straßenbaum zu. Nach dem Zusammenprall mit dem Baum blieb er blutüberströmt auf der Straße liegen. Seine Begleiter liefen in ein naheliegendes Wohnhaus und forderten von dort aus telefonisch einen Krankenwagen an. Einige Tage später dann ist Heyer an seinen schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus gestorben.

Versucht man herauszufinden, was Heyer zu diesem selbstmörderischen Handeln veranlasst haben mag, bekommt man von Menschen, die sich daran noch erinnern, zumeist die Antwort, er habe das Schicksal seines Kameraden nicht verwunden und deshalb den Tod an der Stelle des Motorradunfalls gesucht. Es gibt jedoch noch eine Version, die Heyers Verhalten in einem etwas anderem Licht erscheinen lassen könnte. Sie stammt von Personen, von denen eine der Verlobten Heyers Elli J. freundschaftlich verbunden war, eine andere seinerzeit zum Freundeskreis Heyers gehörte. Dabei war übereinstimmend zu hören, dass Willi Heyer nach dem Motorradunfall durch den Krofdorfer SA-Mann Albert V. schwer beschuldigt worden  sei, und zwar in der Weise, dass ihm V. – „Scharführer“ der SA-Reiter und wesentlich älter als Heyer – immer wieder seine angebliche Schuld am Tode von Moos vorgehalten habe. Darüber klagte Heyer unter Tränen eines Tages sogar am Wirtshaustisch beim „Moos“. Er scheute sich also nicht, auch weiterhin die Gastwirtschaft zu besuchen, die dem Vater seines toten Freundes gehörte, er also hier keine Vorhaltungen hinsichtlich des Unfalles und seiner Folgen zu befürchten brauchte, ja sogar offen darüber sprechen konnte.

Was also trieb den jungen Menschen am Ende wirklich dazu, sich unter den Augen guter Freunde ins Verderben zu stürzen? War es wirklich nur eine „Spontanreaktion“, weil Ort und Zeit ihn plötzlich an den folgenschweren Unfall vom Jahr vorher erinnerten? Oder war es der Schlusspunkt einer seelischen Entwicklung, in die sich Stimmen von außen einmischten, gegen die der Angeschuldigte keinen Widerstand mehr aufbrachte? Ganz bestimmt aber versuchte Heyer sich mit seiner Tat von einer schweren Not zu befreien. Einen anderen Ausweg sah er vielleicht nicht, bot ihm wohl auch niemand an.

Siegfried Träger

 

Elisabeth Mandler – eine Krofdorferin als Diakonisse in Frankfurt

Stirbt eine Schwester des Diakonissenhauses Frankfurt, wird sie auf einem eigens für sie reservierten Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof der Stadt beigesetzt. Auf den aus rotem Stein gefertigten Grabplatten findet man in aller Regel zwei Namen. In einem dieser Doppelgräber hat nach ihrem Tod am 18. März 1960 auch die Diakonisse Elisabeth Mandler ihre letzte Ruhe gefunden, eine Krofdorferin und womöglich die einzige Frau aus unserem Dorf, die einen guten Teil ihres Lebens im Dienst der Diakonie verbrachte.

Geboren wurde Elisabeth Mandler am 18. 8. 1879 in Krofdorf als Tochter des aus Kinzenbach stammenden Heinrich Mandler und der Krofdorferin Anna Marg. Schubecker, aufgewachsen ist sie in der Hauptstraße 80 zusammen mit ihrer Schwester Karoline, die spätere Ehefrau des Bauunternehmers Karl Schleenbecker.

1907, mit bereits 28 Jahren also, war Elisabeth Mandler als „Probeschwester“ in das Diakonissenmutterhaus in Frankfurt eingetreten. Als Probeschwester versah sie vor allem Küchendienst, ehe sie im Jahre 1916, also mitten im 1. Weltkrieg, als Diakonisse eingesegnet  wurde. Jetzt erwartete sie eine ganz neue Aufgabe: die Pflege schwer verwundeter und sterbender Soldaten in einem Lazarett in der nordfranzösischen Stadt Sedan, ein Dienst, der „tiefen Eindruck auf sie machte“, wie es im Nachruf von 1960 heißt. Nach dem Krieg schickte sie das Mutterhaus 1922 für fünf Jahre als Gemeindeschwester nach Oberroßbach im Dillkreis. Mit der gleichen Aufgabe betraute man sie von 1930 bis 1945 hintereinander  in zwei Frankfurter Gemeinden, ehe sie – nun schon in fortgeschrittenem Alter – von 1945 bis 1952 als „Stationsmutter“ nach Oberscheld ging und schließlich als „Feierabendschwester“  ins Mutterhaus an der Cronstettenstraße in Frankfurt zurückkehrte.

Von dort aus hat Elisabeth Mandler,  eine kleine, zierliche Person in dunkler Diakonissentracht und mit einem plissierten Häubchen auf dem weißen Haar – so meine eigene Erinnerung an sie -, zuweilen ihre Verwandten in Krofdorf besucht. Als sie nach kurzer Krankheit starb, lagen 53 Jahre im Dienste des Frankfurter Diakonissenhauses hinter ihr.

Das Foto zeigt Elisabeth Mandler als Lazarett-Pflegerin, es entstand also vermutlich während ihres Aufenthaltes in Sedan.

Siegfried Träger

Ein Soldat braucht Geld

Vorbemerkung: Das Folgende ist die Abschrift eines zweiseitigen Briefes, den Karl Leib, siehe Foto unten, im Jahre 1861 – damals etwa 22 Jahre alt – während seiner Militärzeit in Deutz an seine Eltern in Krofdorf, Inselstraße 2, schrieb. Leib, aus einer angesehenen Bauernfamilie  – Moose/Krokelmoose – stammend, war später auch Mitglied des Wetzlarer Kreistages. Erklärende Ergänzungen erscheinen in Kursiv, nicht eindeutig lesbare Begriffe sind durch Einklammerung oder durch eingeklammerte Fragezeichen gekennzeichnet. Eigentümerin des Dokumentes und des Fotos war die Enkelin von Karl Leib, Hildegard Heydorn, geb. Leib, verwitw. Gombert, die mir die Erlaubnis zur Transkription und zur Veröffentlichung gab.
Siegfried Träger

An Herrn Georg Leib (Moose)
Krofdorf
Kreis Wetzlar

Deutz, den 13. Januar 1861

„Liebe Eltern und Angehörige!

Euren Brief nebst dem Paket mit Butter, Wurst, Strümpfe, Kuchen Geld und Zigarren und den (. . . .) habe ich bei gutem Wohlsein erhalten und daraus gesehen, daß Ihr noch alle recht gesund seid, welches mich sehr freut. Ihr wollt gerne wissen, wie es mit unserem Dienst bei der jetzigen kalten Witterung steht. Das ist so schlimm nicht, denn wir sind fast den ganzen Tag über im Stall. Des Morgens wird gewöhnlich ½ bis 1 Stunde geritten, die meiste Zeit aber in der Bahn wo es nicht viel kalt drin ist, des Mittags wird von 3 bis ½ fünf zu Fuß exerziert, wenn’s sehr kalt ist wird auf dem Kasernenhof marschiert, wobei einen nicht viel kalt wird. Ich habe noch an keiner Erkältung gelitten, von Zahnschmerzen habe ich noch nichts gespürt, wodurch ich mich sehr glücklich schätze, überhaupt die Kommisküche scheint meiner Gesundheit zuträglicher zu sein, als zuhause die fette. Meine Strümpfe sind noch ziemlich im Stand, ich lasse mir sie immer bei einer Frau von einem Sergeanten von unserem Schwadron waschen welche sie mir auch flickt wenn ich die Zeit nicht habe. Wie Ihr mir schreibt, so spricht man zu Hause auch viel wieder von Mobilmachung. Auch hier ist das Gerede schon lange davon gewesen, aber was ein Soldat davon weiß ist nicht weit her. Gestern Abend bekam ich einen Brief vom Leib aus Berlin, welcher schreibt, daß ihr Hauptmann am Neujahrstage gesagt hätte, daß dieses Jahr nicht gut für sie ablaufen würde, denn sie könnten vielleicht vor den Feind kommen. Macht Euch nur nicht viel Unruhe vor der Zeit, denn es kann so Gott will, auch wieder glücklich vorübergehen. Wäre das doch nicht der Fall, und mein Schwager kann zuhause bleiben, so lange bin ich zufrieden in meinem Stande. Den 31. Januar bekam ich den Brief mit den (. . . .) und habe daraus gesehen, daß es jetzt zuhause im Entstehen ist mit einer neuen Gemeinde. Käme es nur dazu, daß die Geschichte eine andere Wendung bekäme, und dass die Reibereien zwischen beiden Partheien nachließen. (Diese Passage bezieht sich auf die Streitigkeiten innerhalb der evangelischen Kirche Krofdorf-Gleibergs, die schließlich zur Entstehung einer freireligiösen Gemeinde führte – S. T.). Schreibt mir näheres darüber ob es im Fortschreiten ist. Als ich das Geld 2 Tage hatte kam der Wachtmeister wieder zu mir, und fragte mich wieder um Geld. Abschlagen konnte ich ihm doch nun nicht, ich mußte ihm (. . . .) lehnen, und wie es mir scheint auf immer. Deshalb muß ich wieder um Geld bitten bis Ende dieses Monats, bis dahin komme ich noch aus, von der alten Butter habe ich noch etwas. Schreibt mir, was die Pferde machen, der Fuchs wird wohl seinen Laufpaß dieses Frühjahr bekommen, die Hafer wird hoch genug liegen, hat der Krauskopf seinen Hangeter (?) noch? Grüßt mir dem Krauskopf und schreibt mir ob es meinen kleinen Pathen namentlich dem Karl noch so schmeckt. Den Brief vom Christian habe ich mit Freude erhalten, ich werde ihm nächstens schreiben, es gibt mir jetzt zu viel. Ich will schließen und grüße Euch Alle herzlich.

Einen schönen Gruß von Jakob und Rheinländer und grüßt mir den Launsbacher Schmidt wenn Ihr Gelegenheit dazu finden, es ist wohl der Fall dass er bald wieder herkommt.“

Eine Zeile am Rand der zweiten Seite des Briefes: „Den Brief w. die Zigarren waren mir sehr willkommen, grüßt mir den Henkel und sagt im Merse“