Der gewitzte Knecht

Heinrich Mandler, der aus Kinzenbach stammte und als Knecht bei „Scholtesse“, einer wohlhabenden Bauernfamilie in der Rodheimer Straße 35 in Diensten stand, sollte eines Tages Bleche mit Kuchen zum nahen Backhaus auf dem Nahrungsberg bringen (siehe Foto des längst abgerissenen Gebäudes). Dabei blieb ihm nicht verborgen, dass ein Teil der Kuchen mit Hölzchen versehen war, ein anderer aber nicht. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht ahnte er, ja vielleicht kannte er auch von früheren Aufträgen her die geheime Bedeutung dieser Kennzeichnung, nämlich dass das Vorhandensein oder Fehlen eines Hölzchen etwas über die Qualität des jeweiligen Kuchens aussagte: die bessere Sorte war mit einem Hölzchen markiert und war für seine Herrschaft bestimmt, die hölzchenlose und weniger qualitätsvolle sollten die Bediensteten des Hofes essen. War das nicht ungerecht? Allein, wie konnte dieses Unrecht beseitigt werden? Ganz einfach eigentlich, fiel dem Knecht Mandler ein, indem ich eben die Hölzchen austausche. Das geschah denn auch ganz unauffällig auf dem Weg zum Backhaus. Der Herrschaft blieb dann nach dem Backen die Verteilung überlassen, nur sie wusste ja genau, wem der Kuchen mit und der ohne Hölzchen zustand. Ob es den Hofeigentümern wohl aufgefallen ist, dass sie wenigstens diese Mal den Kürzeren gezogen haben? Dem gewitzten Knecht jedenfalls gefiel seine Idee so gut, dass er sie noch im Alter seinen Enkeln immer wieder gerne verriet (mitgeteilt von Wilhelm Schleenbecker).

Siegfried Träger