Der Gleiberger Bub Franz Richter als Laufbursche in Gießen

Franz Richter im Jahr seiner Schulentlassung 1934

Franz Richter, 1919 in Gleiberg geboren und 1993 verstorben, war jahrelang Verwaltungsangestellter der Bürgermeisterei von Krofdorf-Gleiberg und Standesbeamter. Er war einer der Gründer unseres Vereins Fotofreunde und erzählte dort immer gerne Erlebnisse aus vergangenen Tagen. Besonders eine Geschichte davon gefiel uns, nämlich die von seiner Erfahrung als Laufbursche für ein Lebensmittel-geschäft in Gießen. Am 5. Juli 1991 traf ich mich mit Franz in unserem Vereinsdomizil und bat ihn, sein Gießener Jugenderlebnis noch einmal auszubreiten, diesmal in Gegenwart eines Tonbandgerätes. Das Folgende basiert auf diesem Gespräch.

„Ich kam im Frühjahr 1934 aus der Schule und wollte Kaufmann lernen, eine fixe Idee, die sich damals nicht verwirklichen ließ. Es gab keine Lehrstelle für den, der keine Beziehungen hatte“, begann Franz sein Erzählches. Trotz diesen düsteren Aussichten ging der junge Mann auf das für ihn zuständige Arbeitsamt in Wetzlar, wo er aber nur zu hören bekam: „Tut uns leid, wir haben überhaupt nichts“. Also versuchte er es am Arbeitsamt in Gießen, aber auch dort hieß es wenig aussichtsreich: „Eine Lehrstelle? Nee, das kannste dir abschminken“. „Aber“, habe ihm der Mann am Arbeitsamt eröffnet, „ich habe eine Stelle als Laufbursch frei, der Kaufmann Bieker im Neuenweg sucht einen zum Warenaustragen“.

Der soeben Schulentlassene sagte sich: „Irgendetwas muss ich ja treiben, fangen wir also damit einmal an“ und ist gleich hin zu der ihm angegebenen Adresse. Herr Bieker habe ihn von oben bis unten beguckt und dann zuerst gefragt, ob er wohl so eine schwere Kiepe tragen könne? Franz: im Rückblick: „Naja, ich musste sie ja nachher tragen“. Bevor es losging, wurde der Anfänger über den Lohn für seine Arbeit aufgeklärt: „Das Mittagessen und 5 Mark die Woche“. Nachdem die beiden handelseinig geworden waren, hörte Franz die nächste Frage seines neuen Arbeitgebers: „Kennst du Gießen?“, darauf die Antwort des Gleibergers: „Noja, so ein bisschen schon“.

Anweisung zum richtigen Grüßen

Der frisch gebackenen Laufbursche bekam nun einen Stadtplan gezeigt und die 6 Bezirke zwischen der Gail´schen Fabrik im Südosten und der Krofdorfer Straße im Nordwesten genannt, wo er Bestellungen aufnehmen sollte. Dann gab der Kaufmann seinem neuen Laufburschen einen Block und erklärte ihm: „Heute sind die Lahnstraße, Krofdorfer Straße und die Schützenstraße dran. Da gehst du hin und sagst freundlich Guten Morgen“. Weiterhin belehrte er ihn hinsichtlich der Begrüßung: „Dort und dort musst du Guten Morgen sagen, dort Heil Hitler und dort Grüß Gott“. Und wenn er bei einer bestimmten Person ausdrücklich mit Heil Hitler grüße, bekomme er von der sogar ein Trinkgeld.

Es ging also los in der Lahnstraße. Franzens erste Kundschaft sollte das Glaskontor Wolf sein. Was ihm da gleich zu Anfang seiner Tätigkeit – sie begann um 8 Uhr morgens – widerfuhr, schilderte er so: „Mensch, ich war doch ein Bauernbub, also einer, der sich in der Stadt nicht auskannte. Da stand eine Korridortür offen, auf der Wolf zu lesen war. Ich hab geklingelt. Es meldete sich niemand. Ich denke ‚guckste mal, gehste mal rein‘. Da tauchte eine Frau auf. Mensch, hat die mich zur Minna gemacht. Ich hab mich entschuldigt, so ganz auf die Nas gefallen war ich ja auch nicht, ich wusste schon, was sich gehört“. Am Ende dieses Zwischenfalls hat die Dame ihm dann doch „einen kleinen Auftrag gegeben“, erinnerte sich Franz.

Zurück ins Geschäft kam Franz so gegen Halbzwölf. Da hatte er seine Bestellungen beieinander. Der Chef sortierte sie und prüfte nach, „wieviel Geld ich mitgebracht habe“. Es war das Geld, das Franz bereits im voraus auf die bestellte Ware von der Kundschaft kassiert hatte. Bald hatte der junge Bursche heraus: „Mehr als 20 Mark Betriebskapital war selten. Es war schlimm“. Und weiter erkannte er im Laufe der Zeit: „Die Kunden, die Bieker belieferte, haben ja eigentlich alle nur aus Gnade und Barmherzigkeit bestellt, weil er ein guter Katholik war, jeden Sonntag in die Kirche ging. Das hat er nur gemacht, damit er gesehen wurde. Wenn ich zu den Kunden kam und sagte ‚Einen schönen Gruß von der Firma Bieker, ich möchte mal fragen, ob sie was nötig haben‘, hieß es schon ‚ach der Bieker’„.

Zur Kundschaft von Kaufmann Bieker gehörte auch das Katholische Schwesternhaus an der Liebigstraße. Dort erhielt er pro Monat etwa eine Bestellung, die zudem kaum über einen Sack Zucker und einen Sack Salz hinausging, ein Auftrag, das erkannte Franz bald, „an dem nicht gerade viel zu verdienen war“. Er, der Laufbursche, „musste dann mit dem rappeligen Handkarren zu dem Lebensmittelgroßhandel Benner, Krumm und Sauer in der Bahnhofstraße. Dort wurde mir die Ware aufgeladen.“. Nur leider aber hatte sein Chef oft kein Kapital zur Vorfinanzierung solcher Mengen. Zum Glück kam die Firma dem Laufburschen entgegen, indem man ihn ermahnte: ‚Wenn du die Mäuse (aus dem Erlös der Lieferung) hast, kommst du erst hierher‘. Was Franz auch immer brav tat.

Der Laden selbst sei ziemlich groß gewesen, mit einem kleinen Lagerplatz dahinter, wo das Geschäftsfahrrad geparkt stand. Dessen Pedale freilich hätten nur noch aus den Pedalstiften bestanden. Benutzt habe er das Rad jedoch nur selten, weil er die meisten Wege zu Fuß „mit dem klapprigen Handwägelchen“ absolvierte.

Die erste Tagespflicht: Schuhe putzen und Ofenplatte reinigen

Über dem Laden befanden sich die Wohnräume der Familie Bieker, außerdem waren zwei Studenten einquartiert. „Herr Bieker hatte eine Frau und zwei Buben, die waren damals so 10 oder 12 und gingen aufs Gymnasium“ erinnerte sich der Erzähler weiter. Den Ablauf seines Arbeitstages schilderte er dann so: „Um halb acht fing ich an, da musste ich meistens erst fünf Paar Schuhe putzen. Die Frau Bieker guckte dann immer zwei-, dreimal, ob ich´s auch richtig mache. Aber das Schuheputzen kannte ich schon von daheim“. War diese Pflicht erledigt, wartete bereits die nächste, das Putzen des Herdes. Wie das vonstatten ging, schilderte Franz mir so: „Der Herd war noch ziemlich heiß, da musste ich das Ding mit Abrador, so eine Art Reibpapier, reinigen. Da fielen die Schweißtropfen auf die heiße Platte. Da kam sie wieder angeschissen. Erst wenn es richtig war, sagte sie ‚Jetzt kannst du wieder an die Arbeit gehen’„.

„Zum Mittagessen bekam ich“, beschrieb Franz seine Verpflegung „in einer Katzenschüssel, also in einem emaillierten Blechnapf, jeden Tag fast dasselbe, man hätte meinen können, sie hätte für vier Wochen gekocht, jeden Tag eine aufgewärmte Suppe. Gegessen habe ich auf der Treppe. Auf dem Hof war eine Art Komposthaufen, wenn die Luft rein war, habe ich die Suppe schon mal hingeschüttet. Da habe ich mir lieber dann beim Bäcker einen Weck geholt oder ein Stückchen“. So karg sei es das ganze Jahr über geblieben.

Nach dem Mittagessen begann die Belieferung der Kunden. „Ich wurde mit dem Geld (also mit dem oben erwähnten bescheidenen Betriebskapital aus der Vorkasse) zu Benner, Krumm und Sauer geschickt. Da musste ich schon die Kiep mitnehmen“. Die erste Frage, die man ihm dort stellte, lautete gewöhnlich: ‚Hast du auch Geld?‘. ‚Ja, ich habe Geld‘, hieß daraufhin die Antwort. Dann zog der Laufbursche ab „mit meinem Kram“. Kam er zurück in den Laden, stellte sein Chef die Kundenbestellungen zusammen, die Franz sogleich ausliefern musste. Die Gänge zum Großhändler wiederholten sich etwa dreimal pro Tag. Auf meine Frage, ob der Kaufmann denn kein eigenes Lager gehabt habe sagte Franz: „Nein, nein, er hatte eigentlich auch kein Geld und nirgendwo Kredit. Nachdem ich so ein Vierteljahr bei ihm war, wusste ich die Einkaufs- und Verkaufspreise und konnte daraus auf Heller und Pfennig berechnen, was der Mann verdiente“.

„Ja ist denn der Zucker schon wieder all?“

Franz schilderte weitere Beobachtungen und Erfahrungen: Habe er einmal nichts zu tun gehabt, musste er im Laden die Gewichtssteine der Waage mit Sidol putzen. Trat eine Kundin ein, sei sein Chef sehr freundlich gewesen, „und das war er eigentlich immer“. Fragte die Kundin dann nach einer Ware, habe er die Schubladen der Wandregale aufgerissen. Franz : „Es war aber nichts drin“. Dabei habe er, ging es zum Beispiel um Zucker, scheinbar verwundert ausgerufen „Ja ist denn der Zucker schon wieder all!?“ und seinen Laufburschen angewiesen „Geh gleich mal rüber zum (Spediteur) Lyncker, er soll den Sack Zucker, den ich vor zwei Tagen bestellt habe, gleich herbringen“. „Wenn ich dann losging“, erzählt Franz weiter, „kam er hinter mir her und gab mir 38 Pfennige. Damit lief ich durch den Hintereingang rüber zum Lebensmittelgeschäft Geisse, wo sie mich schon kannten und fragten ‚No, was hast du denn schon wieder?‘. Ich sagte lediglich ‚ein Pfund Zucker'“. Nur habe es da stets ein Problem gegeben: den Namen „Geisse“ auf den Tüten. Doch auch hierfür fand Herr Bieker eine Lösung. Kam Franz zurück, „hielt er draußen schon eine neutrale Tüte bereit“, der Inhalt der Geisse-Tüte wurde in diese umgeschüttet und der Kundin ausgehändigt, ohne dass die den Handel bemerkt habe. Ähnliche Manipulationen geschahen auch mit anderen Waren, wie sich Franz weiter erinnerte: „Wir führten auch Kaffee, der wurde beim Großhändler Schlüter in der Ludwigstraße gekauft (da irrte sich Franz, die Firma Schlüter befand sich in der Südanlage), allerdings nur eine Sorte, die, glaube ich, im Einkauf zwei Mark das Pfund kostete. Ich musste ihn holen, aber immer nur zwei Pfund, mehr konnten wir ja nicht kaufen“. Verkauft wurde die Röstware aber dann viertelpfundweise entweder für 60, 70 oder 80 Pfennig die Portion, wobei der Kaufmann nie vergessen habe, seiner Kundschaft auch ‚ganz frisch gerösteten Kaffee’ anzubieten, nur koste der dann ein wenig mehr nämlich ‚90 Pfennig das Viertelpfund‘. Der Laufjunge freilich wusste: „Es war immer derselbe Kaffee“. Mit Speise-Öl wurde ähnlich verfahren. „Das haben wir auch beim Geisse eingekauft, immer das billigste zu 95 Pfennig pro Liter. Verkauft haben wir es dann für 1,10, 1,20 oder 1,30“, letzteres von Kaufmann Bieker seiner Kundschaft mit dem ausdrücklichen Hinweis angepriesen ‚falls Sie das gute Speiseöl haben wollen‘. Auch Essig gab es Franz zufolge bei seinem Chef, und zwar „alle Sorten. Wir hatten ein grosses Dippe, da lag so allerlei Zeug drin, zum Beispiel Kümmel. Dazu kamen zwei Schuss Essigessenz rein und zwei Eimer Wasser drauf. Dann musste ich rühren“. Und bestellte jemand Essig, durfte Franz nie vergessen zu fragen: ‚Wollen Sie den gewöhnlichen Essig oder Weinessig? Und wir haben auch noch einen ganz guten‘.

War eine gewünschte Ware nicht vorrätig oder nicht so schnell zu besorgen, wie etwa Zucker bei Geisse, habe Herr Bieker auch noch andere Ausreden parat gehabt, etwa die: „Der Franz bringt es Ihnen hin, Sie brauchen nicht zu warten.“. Wollte eine Kundin das dem Laufburschen nicht zumuten, beruhigte er sie mit dem Hinweis „der Franz macht das schon“. Am Ende jeden Arbeitstages aber hatte der Franz noch einen Sonderdienst für seinen Arbeitgeber zu verrichten. Mit der Begründung, nachher komme die Frau L., eine Jüdin aus der Nachbarschaft, die angeblich laut Herrn Bieker, gerne einen ‚nippele‘, wurde er in eine nahe Drogerie geschickt, um dort eine kleine Flasche Schnaps zu holen. Franz: „Die hat er dann selbst geleppelt. Und das musste ich jeden Tag machen, einen Abend Schnaps, einen Abend zwei Flaschen Wein beim Inderthal“. Und der Erzähler konstatierte: „Seine Familie hat der Kaufmann kaum ernähren können, denn was er an Gewinn hatte, das hat er versoffen“.

Der Gleiberger übte seine Arbeit als Laufbursche ziemlich genau ein Jahr aus. Gegen Ende dieser Zeit geschah für den Kaufmann eine weitere häusliche Katastrophe: der Auszug seiner beiden Untermieter, was zur Folge hatte, dass auch das Häuschen im Neuenweg nicht mehr zu halten gewesen sei. Sowohl Wohnung als auch Geschäft wurden in Mösers Mühle an der Lahn verlegt (laut Adressbuch 1937: Zu den Mühlen 16 – S.T.). Hier verrichtete Franz noch etwa zwei Monate seine Dienste. Die Familie seines Dienstherrn wohnte über dem Stall der Mühle, „aber“, so Franz, „ich brauchte den Herd nicht mehr zu putzen“, weil man ihn gar nicht mehr in die Wohnung ließ. Andererseits fand er es in Mösers Mühle durchaus interessant. Da gab es in einem Hühnerpferch ein Huhn, „das musste ich jeden Morgen füttern und abends mit Wasser versorgen“. Freilich: „Die Eier hat Bieker selbst geholt“.

Als Franz sein Dasein als Laufbursche aufgab, weil er Aussicht auf eine richtige Lehrstelle hatte, machte ihm sein Chef ein scheinbar verlockendes Angebot: „Franz, hör mal zu, du hast doch jetzt an deiner neuen Arbeitsstelle mehr Freizeit. Samstags arbeitet ihr doch schon nicht mehr, da kannste kommen und mir ein bißchen helfen im Geschäft. Brauchst es ja niemanden zu erzählen, du weißt ja wie die Leute sind, wenn einer nebenbei noch was verdienen kann“. Franz schwieg, sagte sich aber innerlich: „Du wirst mich im Leben nicht mehr wiedersehen. Du bist doch sowieso am Ende“. Und noch fast 6 Jahrezehnte später wunderte sich der Erzähler über seinen ersten Job im Leben: „Dass ich das überhaupt ein Jahr geschafft habe! Ich bin ja morgens vom Gleiberg gelaufen und abends wieder heim, bin mindestens 20 Kilometer mit der Kiep und einem Korb unterm Arm in der Stadt herum. Das Ganze war für mich eine Tortur“.

Siegfried Träger

1919: Die neue „Gleiberger Schule“ wird bezogen

Von dieser Schule an der Burgstraße (Foto aus den 1930er Jahren von Ernst Praß) würde heute niemand mehr von „Gleiberger Schule“ sprechen, aber man nannte sie damals bei ihrem Bau und noch beim Einzug tatsächlich so. Der Grund könnte sein, dass die wirkliche Gleiberger Schule, die sich als eindrucksvolles Bauwerk seit Jahrhunderten oberhalb der heutigen Torstraße befand, für den Unterricht der Gleiberger Kinder aufgegeben wurde. Aus der Schulchronik erfährt man dazu, dass bereits 1911 „die hiesige Gemeindevertretung in Einvernehmen mit der Schulbehörde den Beschluß gefaßt“ hat, „das veraltete Gleiberger Schulhaus zu Unterrichtszwecken nicht mehr zu benutzen und die Schulkinder von Gleiberg in die Krofdorfer Schule einzugliedern.“

Dazu schreibt der Schulchronist: „Der Schulvorstand von Krofdorf-Gleiberg faßte in Gegenwart und Mitwirkung des Kreisschulinspektors Geibel am 30. März 1919 den Beschluß, daß sämtliche Schulkinder Gleibergs und der Oberklassen von ganz Krofdorf nach Geschlechtern getrennt in der neuen sogenannten Gleiberger Schule unterrichtet werden sollten, während die übrigen nördlich der Apotheke und Schulstraße Krofdorfs wohnenden Schulkinder als Mittel- und Unterklassen in der vor 15 Jahren erbauten Krofdorfer Schule (an der oberen Hauptstraße – S. T.) unterrichtet werden sollten. Die bisherige alte Schule Krofdorfs (heute Poststraße) sollte ausschließlich zu Wohnungen eingerichtet werden.“ .

Und weiter heißt es: „Zu Beginn dieses Schuljahres (1919) wurde das kurz vor Ausbruch des Weltkrieges fertiggestellte, sehr schöne, auch in hygienischer Hinsicht alle Forderung der Neuzeit entsprechende neue Schulhaus zwischen Krofdorf und Gleiberg zu Schulzwecken in Benutz genommen.
In der neuen Gleiberger Schule unterrichten 1. Hauptlehrer (Peter) Hoffmann die Mädchenoberklasse, 2. Lehrer (Christian) Jäger die Knabenoberklasse,
3. Lehrer (Wilhelm) Lochau bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amte die ganze Mittelklasse, 4. Lehrer (Ernst) Prass, der neu ins Kollegium eintrat, die ganze Unterklasse.
In der Krofdorfer Schule unterrichten 1. Lehrer (Philipp) Bechthold die ganze Mittelklasse; 2. Lehrer (Konrad) Bindewald die ganze Unterklasse.“ .

Hauptlehrer Peter Hoffmann II

Der Unterricht in der neuen Gleiberger Schule begann am 2. Mai 1919. Dazu wiederum die Chronik: „Hauptlehrer (Peter) Hoffmann (II) hielt vor dem Eintritt in die Klassen eine Ansprache an die Schüler, in der er auf die hohe Bedeutung der Schulen ganz besonders in der heutigen Zeit hinwies und den Schülern ans Herz legte, zu wie großem Danke sie der hiesigen Gemeindevertretung und dem Staate verpflichtet seien, daß man für sie trotz der hohen Kosten diese schöne Schule erbaut habe. Ihren Dank könnten sie am besten dadurch beweisen, daß sie  bestrebt seien, in dieser Schule zu klugen, geschickten und guten Menschen herangebildet zu werden.“.
 
Anmerkung: Das ansehnliche Gebäude, heute lediglich als Grundschule genutzt, erhielt Anfang der 1950er Jahre einen Anbau und sollte vor einigen Jahren zugunsten eines Neubaus an anderer Stelle aufgegeben und verkauft werden. Eine Initiativgruppe wachsamer Krofdorf-Gleiberger Bürger intervenierte gegen diesen Plan bei der zuständigen Schulbehörde – mit Erfolg. Das Gebäude wurde für heutige Unterrichtsansprüche erneuert und erweitert und dient weiterhin, und das inzwischen mehr als 100 Jahre lang, seinem ursprünglichen  Zweck, nämlich Kinder – wie es sich bereits 1919 der Lehrer Peter Hoffmann II wünschte, „zu klugen, geschickten und guten Menschen“ heranzubilden.

Siegfried Träger

1900: Eine neue Schule muss her

Am 1. Oktober 1903 wurde die Schule an der Hauptstraße feierlich ihrer Bestimmung übergeben. Das Foto aus unserem Archiv zeigt das Gebäude noch in seiner ursprünglichen Form ehe es als Kindergarten genutzt wurde.

Weil sich nach der Mitte des 19. Jahrhunderts die Zahl der Schulkinder  auf 150 bis 160 erhöht hatte und das bisher genutzte Schulgebäude (gemeint damit ist wahrscheinlich das Haus Rodheimer Straße 27) dafür nicht mehr geeignet war, wurde laut Chronik der Krofdorfer Volksschule  1866 die sogenannte neue Schule mit zwei Schulsälen und zwei Lehrerwohnungen errichtet. Dabei handelte es sich um das noch heute existierende Backsteingebäude an der Poststraße, die früher Schulstraße hieß. Zwar zeigte der Chronist sich mit dessen Äußeren zufrieden, nicht hingegen  mit der inneren Einrichtung , denn sie entspreche „nicht den Anforderungen, die gegenwärtig seitens der hohen Behörde an Schulhäusern gestellt werden.“

Es mussten  aber noch mehr als 30 Jahre vergehen, ehe Krofdorfs Kinder eine noch neuere Schule erhielten. Unter welchen „Geburtswehen“ allerdings, das lässt sich wiederum in der Schulchronik nachlesen.

Da heißt es am Ende des Schuljahre 1900 etwas genervt: „Fast ein ganzes Jahr hat die hiesige Wohllöbliche Gemeindevertretung in hartnäckiger parteilicher Rechthaberei gewählt und endlich ein Grundstück, östlich des Rinnweges (gemeint ist die heutige Hauptstraße – S. T.) gelegen, erworben, für 4000 M, auf dem ein Schulhaus mit 2 Klassen mit 2 Lehrerwohnungen erbaut werden soll im kommenden Jahre.“

Ein Jahr später greift der Chronist das Bauvorhaben erneut auf, jetzt in einem ziemlich scharfen Ton: „Mehr noch als die Platzfrage ist der Bauplan ein Streitobjekt geworden, weil hier die Gemeindevertretung auch Sachverständige mitraten lassen muß. Bereits ein ganzes Jahr streitet man hin und her und heute, am 17. Nov. ist noch kein Plan genehmigt, viel weniger eine Arbeit vergeben. Wie sehr hier an unseren kleinen Kindern, von denen man mehr als 150 an der Zahl in verbrauchter Lebensluft und staubiger Atmosphäre jahrelang einschließt, gesündigt wird, ziehen die berufenen und ( . . ) Organe nicht in Berechnung. ‚Solange wir nicht bauen, sparen wir jährlich 1600 M Zinsen‘, soll ein Gemeinderatsmitglied sich geäußert haben. Zinsen sparen, und den Keim zum Elend in vielen zukünftigen Gemeindemitgliedern legen, sind Dinge, auf die ich hier nicht näher eingehen will. Bezüglich des Bauplatzes und auch des Bauplanes fragte man nicht um die Ansicht der Lehrer. Das ist zu beklagen.“

1902 hat sich aber doch etwas getan: „Mit dem Bau der neuen Schule wurde zeitig der Anfang gemacht, weil dieselbe am 1. Nov. spätestens wenigstens zu Unterrichtszwecken benutzt werden müsse.“ Das klappte zwar nicht ganz, immerhin aber stehen am 1. November „die 4 Wände vom Dach gestützt und sind im Inneren überzogen, Fenster, Thüren, Treppen et. fehlen noch.“

Am 1. Oktober 1903 heißt es dann erleichtert: „Heute wurde endlich die an der Hauptstraße dahier erbaute neue Schule ihrer Bestimmung übergeben und Klasse I und II darin untergebracht. Anwesend waren Herr Kreisbaumeister Witte zu Wetzlar, die Gemeindevertretung in Stärke von 6 Mann, Herr Bürgermeister Lichtenthäler, der Ortsschulvorstand und drei Lehrer der Gemeinde; der 4. war verhindert. Herr Bürgermeister Lichtenthäler betonte, daß seit Errichtung der 4. Klasse zu Krofdorf der Neubau einer Schule eine Notwendigkeit gewesen sei, rühmte die Opferwilligkeit der Gemeinde, bes. deren Interesse für die Schule, betonte die Tüchtigkeit der Handwerker der Gemeinde und die der Bauleitung durch den Herrn Kreisbauleiter Witte, indem er allen genannten Personen seinen Dank aussprach. Sodann überreichte er den Schlüssel des Hauses dem anwesenden Präses des Ortsschulvorstandes, welcher sie dem derzeitigen Hauptlehrer Hoffmann (Peter Hoffmann I – S. T.) übergab. Derselbe sprach nach Empfang derselben: ‚Im Vertrauen auf Gottes Hilfe, die sich bei dem Bau dieses Hauses so sichtbar gezeigt, daß kein Unfall zu verzeichnen war, übernehme ich diese Schlüssel, indem ich der Hoffnung Raum gebe, daß Gottes Gnade auch weiterhin über diese hellen, luftigen Räume walten möge, daß kein Sturm sie beschädigen und kein Feuer zerstören werde, damit sie ihre Bestimmung erfüllen, nämlich daß brave Ortsbürger, treue Untertanen und gut Christen daraus hervorgehen; auch werden sie dann, wenn unser Staub längst verweht sein wird, künftigen Geschlechtern Zeugnis geben von der Opferwilligkeit der Gemeinde, von der Leistungsfähigkeit unserer Bauhandwerker und dem reichen Wissen und Können des Kreisbaumeisters Witte im Jahre 1903‘. Darauf wurden die inneren Räume geöffnet und besichtigt.“.

Die eigentliche Weihe des Hauses erfolgte am 8. Oktober, dem 1. Schultag des Wintersemesters „in würdiger Weise mit Gesang und Gebet durch den Lokalschulinspektor Herrn Pfarrer Knieper“. Daran jedoch beteiligten sich nur alle Schulkinder mit ihren Lehrern und deren Familien.

Pfarrer Johann Philipp Ludwig Geibel 50 Jahre im Dienste der evangelischen Kirche


Pfarrer Geibel im Garten hinter dem Pfarrhaus. Das Foto entstand wahrscheinlich am Tag seines unten beschriebenen 50jährigen Amtsjubiläums, deutlich erkennbar ist der vom Kaiser verliehene Rote Adlerorden IV. Klasse

Am 18. Oktober 1899 feierte Pfarrer Johann Philipp Ludwig Geibel, geb.29.6.1820 in Scheid bei Saarbrücken, in Krofdorf sein 50stes Berufsjubiläum. Pfarrer Geibel war es, um den sich in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts der wahrscheinlich schwerwiegendste kirchliche Konflikt innerhalb der evangelischen Gemeinde des Ortes seit der Reformation gedreht hat, ein Konflikt, in dessen Verlauf es zu einer Austrittswelle eigentlich besonders frommer Bürger aus der evangelischen Kirche kam und der am Ende in die Entstehung der bis heute existierenden Freireligiösen Gemeinde mündete. Wer sich genauer darüber informieren will, was damals die Gemüter in Krofdorf-Gleiberg in Wallung brachte, kann dies sehr ausführlich nachlesen in dem Buch „Dissidenten, Mucker, Tumultanten“ von Dieter Bender oder in der Broschüre „Die Entstehung der ‚Freireligiösen Gemeinde‘ in Krofdorf-Gleiberg“ des ehemaligen Superintendenten Gustav Biesgen.

Gewürdigt wurde Pfarrer Geibels Jubiläum auch in der Chronik der Volksschule. Was der Schulchronist davon zu berichten wusste, hier steht es:

„Unsere Gemeinde darf sich eines Vorzuges rühmen, die nur wenige andere mit ihr gemeinsam haben: sie ist ein Jubiläumsort.

Heute feiert unser allverehrter Herr Pfarrer und Lokalschulinspector sein 50jähriges Amtsjubiläum. Pfarrwohnung und Kirche hatten Festschmuck angelegt, auch die Stätte der weltlichen Feier, das Freund’sche Gasthaus prangten im Festschmuck. In den Vormittagsstunden erschienen die Gratulanten: Lehrer, Amtsbrüder, u.s.w. Um 11 Uhr begann der Festgottesdienst. Außer den Gemeindegliedern wohnten zahlreiche von außerhalb erschienene Gäste demselben bei, so die Herren Landrat Dr. Gödecke, Oberstlieutnant Retzlaff, Superintendent Schöler, die Amtsbrüder und Freunde des Jubilars. Die Worte aus Ps. 119, v. 71 bildeten die Grundlage, auf welcher der Jubilar seine Festpredigt aufbaute.

Herr Superintendent Schöler überreichte den von Sr. Majestät unserem Kaiser und König dem Jubilar in Anbetracht seiner langjährigen treuen Arbeit verliehenen Roten Adlerorden IV. Klasse mit der Zahl 50. Außerdem brachte derselbe ein Schreiben des königl Konsistoriums in Coblenz zur Kenntnis, worin die genannte hohe Behörde ebenfalls ihre warme Anerkennung für das Wirken des Jubilars ausspricht und demselben ihre herzl. Glückwünsche darbringt.

Vor und nach dem Festgottesdienst überreichten die dem verehrten Jubilar Nahestehenden sinnige, wertvolle Geschenke. Um 2 Uhr begann im dekorierten Saale des anfangs erwähnten Gastwirts die Festtafel, an der etwa 140 Gäste teilnahmen. Zahlreiche Reden . . .  gaben dem Mahl die nötige Würze.

Im Lauf des Tages waren eine Menge von Glückwunschtelegrammen eingegangen – 50 Stück – , welche von Herrn Pfarrer Geibel in Dutenhofen zur Verlesung gebracht wurden. Der ganze Verlauf der Feier war ein solcher, daß der Jubilar und seine Angehörigen allen Grund haben, mit Freude und Genugthuung an dieselbe zurückzudenken. Möge dem greisen Pfarrherrn noch ein langer, gesegneter Lebensabend beschieden sein.“

Anmerkung:
Ein langer Lebensabend war dem hochverehrten Pfarrer nach der oben beschriebenen Jubelfeier allerdings nicht mehr beschieden. „Wie ein Kindlein in der Wiege“, so liest man es ebenfalls in der Schulchronik, „entschlief Samstag, den 3. August (1901) ab ½ 6 Uhr unser Pfarrer und Lokalschulinspektor, Pfarrer Geibel, ein Freund unserer Kinder, ein väterlicher Berater ihrer Lehrer, auf seinem Lieblingsplätzchen im Garten, 81 Jahre alt.“.

50 Jahre im Schuldienst: Eine große Feier für Lehrer Konrad Weil

Hauptlehrer Konrad Weil (auf dem Foto inmitten seiner Schüler des Geburtsjahrgangs 1885), geboren am 14.2.1826 in Krofdorf als Sohn des Lehrers Philipp Weil, konnte am 1. August 1898 sein goldenes Amtsjubiläum feiern. Von diesem ungewöhnlichen Ereignis findet sich in der Chronik der Volksschule folgende Beschreibung:

„Nicht allein Krofdorf, wo der Jubilar 50 Jahre lang als Lehrer thätig war, richtete sich zu dieser Feier, auch seine vorgesetzte Behörde und seine Kollegen aus der Nähe und Ferne waren herbeigeeilt, an dem Ehrentag des Jubilars teilzunehmen. Herr Weil, der im 73. Lebensjahr steht, ist Krofdorfer Kind und hat das ev. Schullehrerseminar in Neuwied besucht. Er wirkt vom 1. August 1848 in seiner Gemeinde und gedenkt noch nicht in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Seine Gemahlin, mit der er 43 Jahre glücklich lebt, steht ihm noch rüstig zur Seite. Auf 3 Kinder und 7 Enkel sieht das Jubelpaar mit stolz und lebt in geordneten Verhältnissen. An dem Feste beteiligten sich Herr Geheimrat Anderson-Coblenz, Herr Landrat Dr. Gödecke-Wetzlar, Kreisschulinspektor Pfarrer Schöler, Pfarrer Geibel Dutenhofen, . . . und eine große Anzahl Kollegen und Freunde des Jubilars, die alle bemüht waren, dem Jubilar zu zeigen, daß sie seinen Ehrentag als einen Festtag für sie alle betrachteten.

Eingeleitet wurde die Jubelfeier am 31. Juli abends durch einen großartigen Fackelzug der Ortsvereine, an welchem sich über 200 Personen beteiligten unter Vorantritt der Krofdorfer Kapelle, bei welcher Lehrer Hoffmann I den Jubilar in längerer Rede feierte.

Am folgenden Tag fand eine würdige kirchliche Feier statt, bei der die vorgesetzte Behörde, die Kollegen des Jubilars aus nah und fern vertreten waren, auch die Gemeinde nahm regen Anteil. Herr Pfarrer Geibel von hier sprach über das Bibelwort: „Siehe hier bin ich und die Kinder, die Du mir gegeben hast“. Herr Geheimrat Anderson-Koblenz feierte in schwungvollen Worten die langjährigen treuen Dienste des Jubilars, bedauerte hingegen, daß der veliehene Orden noch unterwegs sei. Auch Herr Kreisschulinspektor Schöler-Wetzlar zollte demselben warme Worte der Anerkennung und schloß mit den besten Wünschen für die Zukunft.

Die Kollegen der Bürgermeistereien Atzbach-Launsbach überreichten als Ehrengeschenk eine goldene Uhr durch Koll. Althaus-Münchholzhausen, die Gemeinde eine goldene Kette durch Herrn Gemeinde-Vorsteher Ludwig. Herr Lehrer Bender-Wetzlar übermittelte die Glückwünsche derjenigen Schüler des Jubilars, die im Lehramte stehen und übergab später in deren Namen sinnige Geschenke.

Um 1 Uhr mittags fand ein Festessen von 127 Gedecken statt welches alle Theilnehmer in jeder Hinsicht befriedigte. Ernst und heitere Reden und Gesänge wechselten hier miteinander ab, bei welcher Gelegenheit der Jubilar tiefgerührt allen, die zur Verschönerung seines Jubiläums in irgend einer Weise beigetragen, besonders aber den Vertretern der hohen Behörde, denkte.
Zu früh schlug die Trennungsstunde für die entfernt wohnenden Kollegen und Freunde, während die Gemeindemitglieder groß und klein sich bei Tanz und Sang bis spätabends vergnügten.

50 Jahre vereint in Freud und Leid mit seiner Gemeinde als Lehrer und getreuer Hüter der Jugend ist ein Ziel, das nicht jeder erreichen kann. Möge es dem Jubilar noch recht lange vergönnt sein, in seinem Amt zu wirken und in Zufriedenheit seinen Lebensabend zu verbringen.“

Anmerkung: Selbst nach 50 Jahren im Schuldienst seiner Heimatgemeinde war für den Lehrer Konrad Weil noch nicht Schluss. Erst am 1. Oktober 1902, nach einer Dienstzeit von 54 Jahren und 61 Tagen gab er sein Amt als Hauptlehrer endgültig auf, gefolgt von dem Lehrer Peter Hoffmann I. Gestorben ist er 10 Jahre später am 23. September 1912 in seinem 86sten Lebensjahr. Sein Vater Philipp Weil hatte seinen Lehrerberuf sogar bis zu seinem 80sten Lebensjahr in Krofdorf ausgeübt.

 

Winterfreuden am „Klingelberg“

Etwa 65 Jahre ist es her, seit diese schöne Aufnahme eines unbekannten Fotografen entstanden sein dürfte. Damals kamen die jungen Wintersportler noch ganz ohne Designer-Klamotten aus und  noch niemand sprach vom „Klimawandel“, der heute solche  Winterfreuden in unseren Breiten nur noch sehr selten möglich macht.

Bildgeberin: Margret Flimm, geb. Hasselbach (auf dem Foto untere Reihe ganz links)

1945: 9000 Reichsmark aus dem Gemeindetresor spurlos verschwunden

Am 8. Mai 1945 war der Spuk zu Ende, Deutschlands Kriegsherren kapitulierten vor der Übermacht der Feinde. Es herrschte wieder Frieden in dem Land, von dem aus Hitlers Heere sechs Jahre vorher ihre Nachbarvölker überfallen hatten. In Krofdorf freilich war schon früher Schluss mit dem Krieg; bereits am 28. März hatten US-Truppen den Ort besetzt, einschließlich der Bürgermeisterei, die

damals noch als markantes Bauwerk an der Burgstraße stand  (Foto). Das Gebäude beherbergte Dienstwohnungen im Obergeschoss und neben den darunter liegenden Verwaltungsräumen auch die sogenannte Zweckverbandskasse, also quasi das Schatzamt der Gemeinde und weiterer diesem „Zweckverband“ angehörender Ortschaften. Der Vorrat an Bargeld lagerte in einem Panzerschrank der Marke Krogmann* und betrug laut Tagesabschluss vor dem Einmarsch der fremden Truppen genau 11046,44 Reichsmark.

Am 11. April, gerade einmal zwei Wochen nach Einnahme des Ortes, übernahm der Sozialdemokrat Adolf Mandler als neuer, von der Besatzungsmacht eingesetzter Bürgermeister die Amtsgeschäfte. Sein Vorgänger aus der NS-Zeit, der Malermeister Hermann Schleenbecker, war am Tag zuvor abgesetzt worden. Dieses Schicksal hatte vorher schon den Kassenleiter Christian Lenz ereilt, den man sogar verhaftete. Dessen Zuständigkeit für die Geldgeschäfte der Gemeinde war seinem Stellvertreter Richard Zecher übertragen worden.

Adolf Mandler (Foto) fungierte jetzt nicht nur als neuer Bürgermeister; mit dem Amt übernahm er auch den Vor-steherposten für die Zweck-verbandskasse und damit die Herrschaft über deren Bar-vermögen. Und das müsste eigentlich immer noch in jenem bereits erwähnten Panzerschrank lagern. Allerdings, es gab da einen Haken: der Schlüssel zu dem Schrank ließ sich bei Dienstantritt des neuen Bürgermeisters an jenem Apriltag 1945 trotz intensiver Suche nicht auffinden. Also wurde ein Handwerker bestellt, der in Anwesenheit von Mandler und der Angestellten Richard Zecher und Otto Leib das Schloss herausschweißen musste. Indes: die Ausbeute der mühevollen Arbeit fiel geringer als erwartet aus. Viel geringer sogar. Statt jener laut letztem Tagesabschluss 11046 Mark und 44 Pfennige fanden die drei Verwaltungsmänner lediglich einen Barbestand von 1646 Mark und 35 Pfennige sowie einen Geldbeleg über 400 Mark und 9 Pfennige, zusammen von Wert also lediglich 2046 Mark und 44 Pfennige. „Es wurde somit“, wie es ein später angefertigtes Protokoll lapidar vermerkte, „ein Fehlbetrag von RM 9000 festgestellt“.

Auf welche Weise und wohin aber mag eine solche stolze Summe sich verflüchtigt haben? Spuren einer gewaltsamen Öffnung etwa hatte der Tresor bis zum Schweiß-Aufbruch nicht gezeigt. Um eine Erklärung für den geheimnisvollen Geldschwund zu finden, mussten sich dazu am 16. Mai, also erst Wochen nach dem Vorfall, mehrere Personen vernehmen lassen.

Als erstes war die Ehefrau des abgesetzten Kassenleiters, Elise Lenz, dran. Ihr Ehemann, so Frau Lenz, habe ihr am 30. März, dem Tag seiner Verhaftung, die in Frage kommenden Schlüssel, „zwei oder drei mit einem Bindfaden zusammengebunden“, mit der Bemerkung übergeben, sie müsse diese „wegen des im Schrank befindlichen vielen Geldes gut verwahren“. Zwei oder drei Tage später, fuhr Frau Lenz fort, seien ihr die Schlüssel von dem (damals noch amtierenden) Ortsdiener Leicht mit der Begründung abverlangt worden, das geschehe im Auftrag eines Offiziers der US-Besatzung. Sie habe die Schlüssel dem Ortsdiener aber nicht gegeben, „worauf“, wie sich Frau Lenz erinnerte, „der Offizier selbst zu mir kam mit dem Ansuchen, ihm die Schlüssel auszuhändigen, da der Kassenschrank geprüft werden müsse“. „Ich ging“, so Frau Lenz weiter, „mit dem Offizier zu dem Bürgermeister Schleenbecker und stellte den Antrag, dass bei der Öffnung des Kassenschrankes ein Vertreter der Gemeinde-Verwaltung mit zugegen sein möge.“. Diesem Wunsch habe der Offizier zunächst auch zugestimmt, dann aber erklärt, die Schranköffnung müsse „in Gegenwart des Herrn Oberst stattfinden“. Das aber sei erst am nächsten Tag möglich. Daraufhin übergab Frau Lenz die Schlüssel dem Bürgermeister und, wie sie nachdrücklich versicherte, „sonst niemand anderem“. Dies sei mit der Bitte geschehen, dafür einzutreten, „dass die Öffnung des Schrankes nur in seiner Gegenwart erfolge.“. Sie selbst jedenfalls habe den Kassenschrank nicht geöffnet, „zumal damals das Kassenlokal ja auch dauernd von amerikanischen Soldaten besetzt und ich mit der Räumung meiner Wohnung vollauf beschäftigt war.“.
Ja, bestätigte in der nun folgenden Vernehmung der jetzt Ex-Bürgermeister Hermann Schleenbecker die Aussage der Kassenleiter-Gattin, er „habe die Schlüssel des Kassenschrankes von Frau Lenz in Empfang genommen und sie dann einige Minuten später an den Offizier der amerikanischen Besatzung auf dessen Anforderung ausgehändigt.“. Geschehen sei das in seinem Geschäftszimmer in Gegenwart von Fräulein Bindewald und Herrn Henkel, beide damals Gemeindeangestellte. Der Offizier habe ihm dann versprochen, versicherte Schleenbecker weiter, ihn am nächsten Tag zur Öffnung des Schrankes zu bestellen. Indes: als der zu jenem Zeitpunkt Noch-Bürgermeister am Tag darauf zum Dienst erschien, waren die Amerikaner abgerückt und er sei, gab er zu Protokoll, „zu einer Öffnung des Kassenschrankes nicht bestellt worden.“.

Ein weiteres Nachspiel als die Vernehmung der erwähnten Zeugen hatte der Diebstahl aus dem Gemeinde-Tresor – und darum handelte es sich ja allem Anschein nach – wahrscheinlich nicht, jedenfalls kein dokumentiertes. Denken mochten sich alle Eingeweihten, wem der große Verlust zuzuschreiben war. Ob sie es freilich wagten, ihre Gedanken auch laut auszusprechen, darf angesichts der Machtverhältnisse damals bezweifelt werden. Übrigens: das verschwundene Geld soll hübsch in mehreren Päckchen gebündelt im Tresor verwahrt gewesen sein; wer immer es an sich genommen hat, es konnte also schnell geschehen. Auf jeden Fall musste der Dieb einen Schlüssel besessen – und ihn behalten haben, denn der blieb zusammen mit den entfleuchten 9000 Mark für immer verschwunden.

Erhalten blieb der Gemeinde wenigstens der lädierte Krogmann-Tresor. Die Herstellerfirma* installierte ein neues Schloss, so dass ihn der Zweckverband noch für längere Zeit zur sicheren Aufbewahrung seiner Werte nutzen konnte.

Siegfried Träger

*Firma Krogmann, Kassenschrankfabrik und Tresorbauanstalt, Gießen, Frankfurter Straße 143, Inh. Hans Burg (Adressbuch Gießen, 1927)

 

 

Ein tödlicher Schuss aus Spielerei

Heinz Burk

Am Nachmittag des 30. Juni 1941 klopfte es heftig an die Tür des Hauses Unter der Burg 8 auf dem Gleiberg. Als die Bewohnerin Therese Burk, die mit ihrem jüngsten Sohn Hubert alleine daheimwar, öffnete, stand vor ihr der Nachbarjunge Oswald H. Der damals 12-jährige machte einen aufgeregten Eindruck. Auf die Frage, was denn los sei, erzählte er, dass „ein brauner Mann auf uns geschossen“ habe. „Auf wen geschossen?“, fragte die verblüffte Frau Burk zurück. „Auf uns zwei, auf mich und Heinz“, bekam sie zur Antwort. Heinz (Foto), das war der zweitjüngste Sohn der Burks und ein Jahr älter als sein Freund Oswald.

Von bösen Ahnungen getrieben forderte die Mutter Oswald auf ihr zu zeigen, wo das von ihm Geschilderte passiert sei und folgte ihm zusammen mit Sohn Hubert zunächst durch das Dorf, dann bergab in Richtung Heuchelheim bis tief hinunter ins Tal. Dort, nahe der Tongrube Abendstern am unteren Fohnbach befand sich ein kleiner Tümpel, und neben diesem Tümpel lag leblos Heinz Burk, anscheinend „an Ort und Stelle gestorben“, wie sich noch Jahrzehnte später sein Bruder Hubert an die schreckliche Szene erinnerte. Erschossen von jenem ominösen braunen Mann, von dem Oswald H. sprach? Mutter und Sohn eilten zurück zum Gleiberg und verständigten vom Lebensmittelgeschäft Leib aus telefonisch die Polizei. Die rückte auch sogleich mit einem Staatsanwalt und einem Arzt bei dem leblosen Buben neben dem Tümpel an.

Was aber war dort wirklich passiert? Schon bald zweifelten die Untersuchungsbeamten an der Version des jungen H. von einem unbekannten Täter. Und tatsächlich musste der schon wenig später zugeben, dass er selbst es war, der den fatalen Schuss verursacht hatte. Nicht um seinem Freund etwas anzutun, sondern einfach so beim Spielen mit einer Pistole, die seinem Vater gehörte und die er heimlich mit ins Feld genommen hatte. Bald fand sich auch das corpus delicti. Der Unglücksschütze hatte die Pistole nach dem tödlichen Treffer in den nahen Tümpel geworfen und sich dann die Geschichte vom „braunen Mann“ ausgedacht, ehe er an der Haustür der Burks erschien. Die Idee zu seiner Lüge mochte ihm seine Kenntnis davon eingegeben haben, dass damals Kriegsgefangene in der Gegend untergebracht waren. Und denen, so meinte er wohl, könnte seine eigene Untat doch leicht in die Schuhe geschoben werden.

Siegfried Träger

Information und Foto: Hubert Burk

 

Das verlorene Zigarettenetui

Im Jahre 1928 verschwand ein junger Mensch von einem Tag auf den anderen scheinbar spurlos aus Krofdorf. Es handelte sich um den damals 21 Jahre alten Paul Wagner aus einem Anwesen an der Schieferstraße mit der heutigen Nummer 11.Es dauerte aber nicht allzu lange, da sprach sich im Ort herum, dass Wagner, ein begabter Musiker, der bei einem Musiklehrer in Gießen Trompete und Flügelhorn spielen gelernt hatte, in die französische Fremdenlegion eingetreten sei. Auslöser für diesen Schritt soll ein Vorfall gewesen sein, den mir ein Altersgenosse Wagners kurz vor seinem Tod schilderte.

Paul Wagner 1930 als Fremdenlegionär in Algerien

Danach hatte Wilhelm Wagner, ein gelernter Uhrmacher aus der Hauptstraße 55 und nicht näher verwandt mit seinem Namensvetter Paul, mit Freunden eine feuchtfröhliche Party veranstaltet, angeblich weil er beruflich in die Schweiz übersiedeln wollte. Das abendliche Abschiedsfest fand jedoch nicht in einem geschlossenen Raum statt, sondern unter freiem Himmel auf einem großen Strohhaufen. Der befand sich rechter Hand am Dorfausgang in Richtung Waldhaus auf einem Grundstück, das dem Gastwirt Moos gehört haben soll. Ob angelockt durch den Lärm der Feiernden oder eher zufällig, jedenfalls näherte sich dem Strohhaufen im Schutz der Dunkelheit der Trompeter Paul Wagner. Statt seiner Trompete aber hatte der jugendliche Raucher Streichhölzer dabei. Damit, so meinte er wohl, könne man denen auf dem Haufen einen lustigen Streich spielen. Und ohne langes Zögern folgte der Idee die Tat. Unbemerkt von den fröhlichen Zechern flammte am Fuße des Strohhaufens ein Zündholz auf, wurde an das Stroh gehalten und entfachte ein Feuer, das allmählich den gesamten Haufen zu erfassen drohte.

Jetzt endlich nahmen Wilhelm Wagner und seine Freunde wahr, in welcher Gefahr sie schwebten und brachten sich in Sicherheit, ehe das Stroh völlig niedergebrannt war. Wo und wer aber war der Brandstifter? Natürlich hatte der sich längst in die Dunkelheit der Nacht hinein aus dem Staub gemacht. Allerdings, wie sich bald herausstellte, nicht ganz spurlos. Als der abgekühlte Brandherd nämlich Tags darauf näher inspiziert wurde, stieß man auf einen Gegenstand, der kaum zufällig hierher geraten sein konnte: Ein zwar brandgeschwärztes, aber sonst unversehrt gebliebenes Zigarettenetui aus Metall. Und in dessen Deckel eingraviert las man unter einer Widmung den Namen Hilde Rothe. Wer aber war Hilde Rothe? Und wem mochte die Widmung gelten? Das zu ermitteln, erforderte keine übermäßig große kriminalistische Begabung. Hilde Rothe, das Foto zeigt sie 1922 als Konfirmandin, die kannte jeder als Tochter des Dorfpolizisten Gustav Rothe, und ihr damaliger Galan, das war ebenfalls kein Geheimnis, hieß Paul Wagner. Ihm hatte sie offenbar das Etui geschenkt und, damit er sie ja nicht vergesse, es mit ihrem Namen versehen.

Doch als man Wagner auf Grund dieses „Beweisstückes“ dingfest machen wollte, war er nicht auffindbar, hatte offenbar Eltern und Geschwister verlassen – und seine Freundin Hilde obendrein. Die beklagte sich später in einem Brief, geschrieben im Februar 1929 aus dem Rheinland (wo sie damals wohl inzwischen lebte) an einen gemeinsamen Freund in Krofdorf über Paul Wagner mit den Worten: „Wenn er etwas in sich gehabt hätte dann hätte er mir wenigstens noch einmal geschrieben, grade so gut wie er seinen Eltern aus Frankreich schrieb hätte er auch mir ein paar Zeilen schreiben müssen. Das wäre seine Pflicht gewesen.“. Dann bittet sie den Adressaten, ihr „den Brief, den ich Dir für P. mitgeschickt, doch wieder zurück zuschicken“. Auch sei es ihr „schrecklich“, dass die Familie ihres entschwundenen Freundes noch Briefe von ihr habe.

Bevor Wagner, wie es aus dem Brief Hilde Rothes hervorgeht, nach Frankreich abgetaucht war, soll er von seinem Heimatort aus zunächst zu einem entfernt wohnenden Verwandten geflohen sein. In Frankreich trat er in die Fremdenlegion ein, wo er dank seiner musikalischen Fähigkeiten ein ganz erträgliches Leben geführt haben soll. Erst nach dem Ende des Hitler-Feldzugs gegen Frankreich im Jahre 1940, also mehr als zehn Jahre nach seiner Flucht, kehrte  Wagner nach Krofdorf zurück. Er heiratete Leni Volkmann aus der Seemühle und bekam dank seiner in der Legion erworbenen Französischkenntnisse in Wetzlar eine Anstellung als Dolmetscher für kriegsgefangene Franzosen. Bald aber musste auch er wie viele seiner Generation in den 2. Weltkrieg ziehen, wo er, der ehemalige Fremdenlegionär, bei Smolensk in Russland umkam. Was indes aus seiner verlassenen Freundin Hilde wurde, liegt im Dunkeln.

Siegfried Träger

 

Mit dem Fallschirm in den Hühnerhof

Zu der folgenden Dorfgeschichte hatte ich bereits in den 1950er Jahren ein paar unterschiedliche Darstellungen aufgeschnappt. Immer aber ging es dabei um den dramatischen Fallschirmabsprung eines Gleibergers angeblich auf einen Acker irgendwo in der näheren Umgebung. Erst Jahrzehnte später machte ich mich endlich daran herauszufinden, was da eigentlich wirklich geschehen war, allerdings ohne genaue Kenntnis davon, um wen es sich bei dem Fallschirmspringer handelte. Eine Vermutung allerdings hatte ich, und, wie sich herausstellte, lag ich damit richtig. Meiner Bitte um ein Interview wurde gerne entsprochen, und so erhielt ich endlich ganz authentisch von der „Hauptperson“ Antworten darauf, wann, warum, und wo genau jener rätselhafte Fallschirmabsprung stattgefunden hat.

Der aus Gleiberg stammende, später in Krofdorf verheiratete Werner Mandler musste als Angehöriger des Geburtsjahrganges 1924 am 20. Oktober 1942 zum Militär. Bereits bei der Musterung hatte man ihn für die Fliegerei eingeteilt und anschließend zur Ausbildung nach Frankreich geschickt. Dort kam ihm zu Ohren, dass Freiwillige als Funker gesucht würden. Und so wurde er Flugzeugfunker (Foto). Mit dieser Aufgabe hielt er sich eine Zeit lang in Prag auf, wo er eine Bruchlandung überlebte. Wenig später, am 31. August 1944, entging er wieder nur knapp dem Fliegertod. Nach einer Notlandung seiner Maschine im Erdinger Moos bei München musste er acht Wochen lang in einem Lazarett verbringen.

Wieder genesen, erwartete ihn schon der nächste Auftrag – mit der ungeahnten Folge eines unfreiwilligen und höchst gefährlichen Wiedersehens mit seiner Heimatregion. Auf dem „Programm“ standen diesmal sechs Nachteinsätze vom Heimatflughafen Oberschleißheim bei München aus. Fünf der Aufträge waren bereits ausgeführt, als die aus drei Maschinen des Typs 88 G 6 der Firma Junkers bestehende Rotte mit je 3 Mann Besatzung (Pilot, Funker und Techniker) am 18. November 1944 um 18 Uhr zu ihrem letzten Flug startete. Bewaffnet waren die schweren Fluggeräte mit jeweils 6 Kanonen, von denen sich vier an der Kanzel und zwei am Rumpf befanden. Zielort sollte an jenem Abend der Flugplatz Kassel-Rothwesten sein. Doch es kam anders als gewünscht, wie Mandler sich Jahrzehnt später noch erinnerte.

Bereits in der Nähe Nürnbergs mussten zwei der drei Maschinen kehrt machen. Ein Warnsystem gegenüber der eigenen  Flugabwehr war ausgefallen und damit die Gefahr entstanden, von der eigenen Bodenverteidigung abgeschossen zu werden. Nicht von dieser Störung betroffen war die Maschine, in der Werner Mandler saß. Sie flog weiter in Richtung Zielflughafen Kassel. Da kam – sie befanden sich gerade im Raum Gießen – über Funk die Nachricht, dass in Kassel eine Landung wegen Beschädigung der Rollbahn nicht möglich sei. Statt dessen sollten sie den für sie nächst gelegenen Fliegerhorst nutzen, und das war eben der in Gießen. Dort allerdings gab es gerade Fliegeralarm und infolgedessen die Verdunklung der Rollbahn. Eine Landung würde also auch hier zunächst nicht möglich sein. Die Maschine wurde von der Flugsicherung in einen „Warteraum irgendwo in der Nähe Gießens““ dirigiert, 3500 Meter über Grund.

Eine allzu lange Wartezeit konnte man sich dort oben aber nicht mehr leisten, denn allmählich ging der Sprit zu Ende. Trotzdem musste die Maschine immer weiter ihre Kreise ziehen, bis schließlich der Treibstoff nur noch für 10 Minuten Flugzeit reichte. Dieser ungemütliche Umstand zwang den Funker Mandler, den für eine solche Situation vorgeschriebenen Funkspruch „QBZ 10 Minuten Flugzeit“ abzusetzen:. Als Antwort kam vom Boden aus die Anweisung zur Notlandung auf dem Flugplatz Fritzlar. Dessen Landebahn wäre mit nur 800 Meter eigentlich zu kurz für die Maschine gewesen. Doch zu einem Weiterflug nach Fritzlar kam es ohnehin nicht mehr. Während das Flugzeug nämlich immer noch im Warteraum herumkurvte, wurde es – sichtbar an einer Leuchtspurgarbe – beschossen, möglicherweise von einem englischen oder kanadischen Nachtjäger.

Durch den Beschuss geriet der rechte Flugmotor in Brand, die Funkanlage fiel aus und die Maschine sackte um etwa 500 Meter ab, ehe es gelang, das Feuer mittels des eingebauten Schaumlöschers zu ersticken. Obwohl das Flugzeug trotz Ausfall eines Motors eigentlich noch flugtauglich war, gab der Pilot jetzt den Befehl: „Los, fertigmachen zum Absprung“, weil der Benzinvorrat selbst für eine Notlandung nicht mehr ausgereicht hätte. Der Funker Mandler, dem als Gleiberger das Absprunggebiet vertraut war, warnte zwar noch vor den vielen Überlandleitungen. Aber was half´s? Der Ausstieg musste sein. Zuerst verließ der Techniker durch eine Bodenluke die Maschine, ihm folgte der Funker und als Letzter der Pilot. Der hatte den Flieger vorher noch „ausgetrimmt“, ihn also in eine stabile Fluglage gebracht. Das Geisterflugzeug stürzte, wie sich später herausstellte, bei Michelbach im Odenwald ab, also in ganz beträchtlicher Entfernung vom Ort des Ausstiegs der Besatzung. Der Pilot erreichte, wie sich später herausstellte, bei Rödgen unversehrt den Boden, der Techniker ging in einem Hochwald nieder.

Zum Glück kam auch der Funker Mandler ohne Schaden unten an. Noch während des Herabschwebens an seinem Fallschirm freilich hatte er bemerkt, dass er direkt auf eine Ortschaft zufiel. Um eine „Dachlandung“zu verhindern, änderte er durch Ziehen an der Fallschirmleine die Fallrichtung. Und landete schließlich zwischen zwei Kirschbäumen hindurch auf einem umzäunten Areal. Es war eine Hühnerfarm am Rande Nordecks oberhalb des Lumdatals. Bereits am Boden angekommen, wurde der Springer durch einen Windstoß gegen die Innenseite des Begrenzungszaunes gedrückt. Da lag er nun, etwas hilflos, aber unversehrt.

Zuerst galt es, sich aus den Gurten zu befreien. Dann holte der havarierte Funker seine Taschenlampe heraus und sichtete das Gelände. In einiger Entfernung erkannte er eine schlecht abgedunkelte Baracke, der er sich mit eingeschalteter Lampe näherte. Da sah er drei Personen das Areal betreten, zwei Soldaten mit Gewehren und einen Zivilist, und Mandler hörte einen von ihnen sagen: „Weg – da ist er“. „Weg“, das war auf den Fallschirmspringer gemünzt, das „da ist er“ auf den Fallschirm selbst, der sich noch immer im Wind ein wenig blähte. Dann rief der Zivilist, es war der Bürgermeister von Nordeck, in die Dunkelheit hinein: „Ist es ein Deutscher oder Amerikaner?“, woraufhin Mandler den Strahl der Taschenlampe auf sich lenkte, „Ich bin ein Gleiberger“ zurück rief und auf die drei reichlich verblüfften Männer zuging. Natürlich entspann sich sofort ein Gespräch zwischen ihnen. Und dabei erfuhr der Abgesprungene, dass man das Geschehen in der Luft beobachtet und sogar den Ruf nach seinem Kameraden Franz während des Falls gehört hatte. Jetzt erst stellte man mit nicht geringem Schrecken fest, dass der Fallschirm auf den Drähten einer Hochspannungsleitung ausgebreitet lag. Ein polnischer Zwangsarbeiter musste ihn herunterziehen. Dann trommelte der Bürgermeister alle Männer des Ortes zusammen, um den Bordmechaniker zu suchen. An der Suche beteiligte sich sogar eine im benachbarten Londorf stationierte Technikerkompanie. Es dauerte rund 1 ½ Stunden, ehe man Franz fand. Er war leicht am Arm verletzt und hatte sich an der Landestelle mitten in einem nahen Hochwald bereits eine Lagerstatt eingerichtet.

Inzwischen hatte Werner Mandler vom Telefon des Bürgermeisters aus den Flugplatz Gießen angerufen. Und siehe da: Am anderen Ende meldete sich sein Pilot, der sich gerade in der Nähe des Telefons aufgehalten hatte und nun berichtete, er sei bei Rödgen heruntergekommen und von hier aus einfach quer über das nahe Flugfeld zur Flugleitung gegangen. Das Foto zeigt das Gebäude der ehemaligen Flugleitung, aufgenommen 2016.

Der nächste Anruf Mandlers ging nach Gleiberg zum Nachbarn seiner Eltern, dem Kaufmann Karl Leib. Der möge ihnen ausrichten, dass er am nächsten Tag nach Hause komme.

Die Nacht verbrachten Funker und Techniker in dem für sie freigemachten Ehebett des Bürgermeisters. Am Morgen fuhren sie mit ihren zusammengelegten Fallschirmen per Bahn nach Gießen. Die abgesprungene Besatzung musste sich auf dem Flugplatz einer Vernehmung durch den wachhabenden Offizier unterziehen. Danach erhielt Mandler drei Tage Urlaub, benachrichtigte darüber seinen Vater, der ihn per Fahrrad in Gießen abholte.

Siegfried Träger